
SOLINGEN (mh) – Es ist ein Titel, der aktueller kaum sein könnte: Mit der Eröffnung der 63. Ausstellung des Vereins der Solinger Künstler e. V. verwandelte sich das Kunstmuseum Solingen am vergangenen Samstag in einen Ort der kritischen Reflexion. Unter dem Leitthema „Ganz dünnes Eis“ präsentieren zahlreiche Kunstschaffende ihre Werke, die sich mit der Zerbrechlichkeit unserer modernen Welt auseinandersetzen.
Ganz dünnes Eis – Verein SK stellt aus
Die Vereinsvorsitzende Susanne Müller-Kölmel begrüßte die zahlreichen Gäste und blickte dabei auf die bewegte Geschichte des 1919 gegründeten Vereins zurück. Nach der Auflösung 1933 und der Neugründung 1945 hat sich die Vereinigung professioneller Künstler fest in der Region etabliert. Heute steht nicht nur die Pflege der Artothek im Fokus, sondern vor allem die Förderung des Nachwuchses in enger Zusammenarbeit mit Akademien, Universitäten und dem Kunstmuseum. Matthias Erntges vom Kulturmanagement betonte ebenfalls die enge Partnerschaft, durch die die Ausstellungen des Vereins zu einer festen Größe im Museumsprogramm geworden sind.

In ihrer Eröffnungsrede fand auch Müller-Kölmel klare Worte für die Intention der Schau: „Der Titel steht als Metapher für die fragil gewordene Meinungs- und Diskussionskultur.“ In einer Zeit, in der Debatten zunehmend eskalieren, wolle die Kunst ein Innehalten ermöglichen. Kunst brauche Freiheit und offene Auseinandersetzung, aber eben auch das Wahrnehmen und Nachfragen.
Zwischen Polarisierung und Innehalten
Oberbürgermeister Daniel Flemm unterstrich in seinem Grußwort die Bedeutung des Vereins, dessen Strahlkraft mittlerweile weit über die Grenzen der Klingenstadt hinausreicht. Sein Dank galt insbesondere den engagierten Mitgliedern, die es schaffen, auch in gesellschaftlich und wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein konstantes und qualitativ hochwertiges Kulturangebot aufrechtzuerhalten.

Dabei schlug Flemm nachdenkliche Töne an und gab offen zu, dass ihm die aktuelle Entwicklung der Meinungsfreiheit und Meinungsbildung Sorge bereite. „Es ist nicht nur ein diffuses Gefühl, das wir spüren, sondern es sind messbare Tatsachen“, so der Oberbürgermeister. Er beobachte eine zunehmende Radikalisierung der Standpunkte, bei der Fronten unversöhnlich aufeinanderprallen – sei es bei religiösen Themen oder extremen politischen Haltungen. Oftmals scheine in der Hitze der Debatte sogar der eigentliche Kern des Diskurses verloren zu gehen, was in einer pauschalen Ablehnung („Alles ist einfach blöd“) münde.
OB Flemm: Sorge über Radikalisierung der Standpunkte
Flemm sieht hierin eine zentrale Aufgabe für die Stadt und die Politik: Dieser destruktiven Haltung müsse aktiv entgegengewirkt werden. Dabei gab er sich selbstkritisch und räumte ein, dass auch eine Stadtverwaltung eine Organisation mit Fehlern und Mängeln sei. Umso wichtiger sei jedoch die Erkenntnis, dass die Welt nicht nur aus Schwarz und Weiß bestehe. „Es gibt auch Grautöne und es gilt, diese gezielt hervorzuarbeiten“, betonte Flemm. Er würdigte die ausstellenden Künstlerinnen und Künstler als wichtige Akteure in diesem Prozess, da sie über ihre ganz eigene, visuelle Art der Kommunikation genau diese Zwischentöne sichtbar machen und den Dialog fördern.
Von Klimakrise bis Identität
Die Ausstellung besticht durch ihre mediale Vielfalt: Malerei, Fotografie, Skulptur und Installationen verschmelzen zu einem Gesamtbild der Verunsicherung, aber auch der Hoffnung.
- Gesellschaft & Kritik: Christina Koesters Installation „JEMANDEN IM REGEN STEHEN LASSEN“ zeigt einen Rettungsschirm, der trügerisch ist – ein Sinnbild für zerbrochene Illusionen. Michael Bauer-Brandes mahnt mit seiner filigranen Stahlskulptur „Menschengemacht“ vor dem riskanten Tanz am Abgrund.
- Natur & Klima: Ela Schneider setzt mit Holzobjekten ein Zeichen für Biodiversität, während Klaus Greinert die bedrohte Zukunft am Beispiel Venedigs einfängt. Petra Korte und Sabine Smith thematisieren die schmelzenden Pole und die Ästhetik des bedrohten Eises.
- Körper & Inneres: Manuela Stein abstrahiert in ihren Fotoarbeiten menschliche Hautstrukturen zu „Körperlandschaften“ und hinterfragt so die Oberfläche unserer Identität.

Parallel dazu lädt Greta Calaminus mit ihrer Ausstellung „Mit einem Flügelschlag“ dazu ein, das fragile Gleichgewicht der Natur und Momente plötzlicher Veränderung zu entdecken.
Swingjazz mit Three In A Tree
Für den atmosphärischen Rahmen sorgte das Swingjazz Piano-Trio „Three In A Tree“. Mit Benedikt Koester, Eric Richards und Martin Siehoff erhielten die tiefgründigen Themen eine beschwingte musikalische Gegenkomponente, die zum Verweilen und Diskutieren anregte.
Informationen für Besucher
Dauer: Bis zum 22.03.2026
Ort: Kunstmuseum Solingen, Wuppertaler Straße 160, 42653 Solingen
Öffnungszeiten: Di. – So., 10:00 – 17:00 Uhr
Führungen: Sonntags um 11:15 Uhr und 14:00 Uhr
Abschluss: Zur Finissage erwartet die Besucher die Performance „kunstimwaldzimmer“

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