
SOLINGEN (red) – Die Solinger Liewerfrauen sind deutschlandweit einzigartig. Bis zu 25 Kilogramm schwere Körbe voller Scherenteile oder Messerklingen trugen sie einst bergauf und bergab durch das gesamte Stadtgebiet. Eine körperlich extrem fordernde Arbeit, die eng mit der Geschichte der Solinger Industrie verbunden ist. Eine Ausstellung im denkmalgeschützten Lieferkontor im Gründer- und Technologiezentrum widmet sich genau diesen „starken Frauen“. In dem historischen Raum wird ihre Geschichte anschaulich erzählt und erlebbar gemacht.
Die Stadt Solingen und der Förderverein des Industriemuseums wollen die Ausstellung künftig stärker zugänglich machen. Ziel ist es, in der Wandersaison von März bis Oktober mindestens einen Öffnungstermin pro Monat anzubieten. Sollten sich weitere Ehrenamtliche finden, könnten zusätzliche Termine folgen.
Ganz Solingen war „eine Fabrik ohne Dach“
Lutz Peters, Stadtführer, Initiator des Liewerfrauenweges und langjähriger Pressesprecher der Stadt Solingen, beschreibt die historische Bedeutung eindrücklich: „Ganz Solingen war über Jahrhunderte eine Fabrik ohne Dach: Halbfertigteile waren immer unterwegs – von den Schmieden zu den Härtern, von den Schleifern zu den Fabrikanten. Das kann man auf dem Lieferfrauenweg gut nachvollziehen. Deshalb öffnet das Kontor um 11 Uhr zeitversetzt etwas früher als der Wipperkotten. Wer das Lieferkontor besucht und um 13 Uhr am Gründerzentrum startet, schafft es auf jeden Fall bis zum Wipperkotten, der um 16 Uhr schließt.“
Das Lieferkontor spielt dabei eine zentrale Rolle: Hier wurden die Waren abgeliefert und die Löhne ausgezahlt. Die Öffnungszeiten sind bewusst so abgestimmt, dass Besucherinnen und Besucher im Anschluss den Weg bis zum Wipperkotten weitergehen können.
Geführte Wanderung zum Saisonstart
Zum Auftakt der Saison laden Förderverein, Stadtmarketing und lokale Tourismusförderung zu einer geführten Wanderung auf einer Etappe des Liewerfrauenweges ein. Start ist um 13 Uhr am Gründer- und Technologiezentrum, Ziel ist der Wipperkotten. Die Teilnehmerzahl ist auf 20 Personen begrenzt. Eine Anmeldung ist online möglich. Alternativ diese telefonisch über die lokale Tourismusförderung erfolgen (Sandra Perinelli-Hallaç, Tel. 0212 290 2148).
Um das Angebot langfristig auszubauen, werden weitere Ehrenamtliche gesucht. Hartmut Lemmer, Vorsitzender des Fördervereins Industriemuseum e.V., und Lutz Peters möchten perspektivisch zusätzliche Öffnungstage ermöglichen. „Es würde ausreichen, sich einmal in der Saison für zwei Stunden in die Ausstellung zu setzen. Historisches Wissen schadet nicht, ist aber keine Voraussetzung. Die Ausstellung erklärt sich selbst“, so Lemmer.
Interessierte können sich per E-Mail an info@foerderverein-rimsg.de oder telefonisch bei Lutz Peters unter 0212 2213 2345 melden.
Industriegeschichte zum Anfassen
Frauen, die Waren in Körben auf dem Kopf transportierten, gab es früher in vielen Teilen Europas. Mit der Industrialisierung verschwand diese Form der Arbeit jedoch meist schon im 19. Jahrhundert, in Solingen dagegen erlebte sie einen Aufschwung. Nicole Scheda, Leiterin des LVR-Industriemuseums Gesenkschmiede Hendrichs, erklärt: „In Solingen ist das Gegenteil eingetreten: Mit dem Aufschwung der Stahlwarenindustrie nach 1890 stieg die Zahl der Schleifer und der Liewerfrauen an: Frauen, die Messer- und Scherenrohlinge zwischen den wassergetriebenen Schleifkotten an der Wupper oder aus den unwegsamen Bachtälern zu den Kaufmannskontoren in Ohligs, Höhscheid oder Solingen transportierten, wurden noch bis in die 1930er Jahre gebraucht.““
Wer die Strecke selbst erleben möchte, kann den rund 15 Kilometer langen Liewerfrauenweg erkunden. Seit 2023 verbindet dieser Rundweg das frühere Lieferkontor am Grünewald mit dem Wipperkotten an der Stadtgrenze zu Leichlingen, teilweise entlang historischer Lieferwege. Das Lieferkontor selbst befindet sich im ersten Obergeschoss der ehemaligen Stahlwarenfabrik gegenüber dem Zwillingswerk. Heute informiert eine kompakte Ausstellung über Alltag, Kleidung und Arbeitsbedingungen der Liewerfrauen.
Gemeinsam mit weiteren Standorten wie der Gesenkschmiede Hendrichs, dem Wipperkotten, dem Waschhaus Weeger Hof, der Dampfschleiferei Loos’n Maschinn und der Reiderei Lauterjung bildet es ein dezentrales „Freilichtmuseum“ zur Solinger Industriegeschichte.
| Lieferkontor Solingen
Öffnungszeiten in der Wandersaison 2026 Öffnungen durch Stadtmarketing und Tourismusförderung
Zusätzliche Öffnungen durch Stadtführer Lutz Peters
Hinweis: An den Aktionstagen wird der Besuch des Lieferkontors durch besondere Programmpunkte ergänzt. Weitere Informationen gibt es unter solingen.de/inhalt/liewerfrauenweg-besucherzentrum. |

































