SOLINGEN (mh) – Im Rabengehege des Solinger Vogel- und Tierparks herrscht derzeit reges Treiben, im wahrsten Sinne des Wortes. Seit dem 11. April gibt es bei den Kolkraben Nachwuchs (wir berichteten). Rabenmutter Thea kümmert sich aktuell um gleich vier Jungtiere, die innerhalb weniger Tage das Licht der Welt erblickten. Zwei der Küken schlüpften am 11. April, Nummer drei folgte einen Tag später und ein weiterer kleiner Nachzügler machte das Quartett schließlich komplett. Dass nicht alle Jungen gleichzeitig schlüpfen, ist bei Kolkraben übrigens völlig normal.
Mittlerweile haben sich die kleinen Federbälle prächtig entwickelt. Gerade einmal vier Wochen nach dem Schlüpfen bringen die Jungvögel bereits stolze 500 bis 600 Gramm auf die Waage – und wachsen anscheinend täglich weiter.
Die Beringung – wichtiger Termin für den Nachwuchs
Dieses rasante Wachstum gab am Dienstag den Startschuss für einen der wichtigsten Termine im jungen Vogelleben: die Beringung. „Der Zeitpunkt muss genau abgepasst werden“, erklärte die leitende Tierpflegerin Janett Heinrich. „Wartet man zu lange, passt der Ring nicht mehr über den Fuß.“ Um die sensible Rabenmutter nicht zu irritieren, sind die Ringe in dezentem Schwarz gehalten.
Trotz der langjährigen Vertrautheit zu ihren Pflegern war der Termin für Thea eine aufregende Angelegenheit. Während Janett Heinrich die Jungen vorsichtig aus dem Nest nahm, flatterte die Mutter nervös durch die Anlage. Doch das Vertrauen siegte: Aggressiv wurde Thea nicht – ein krasser Gegensatz zur freien Wildbahn, wo Kolkraben ihr Nest kompromisslos gegen jeden Eindringling verteidigen. Umso wachsamer war die Rabenmutter, als ihre Jungen nach der Beringung zurückgesetzt wurden. Sofort kontrollierte sie aufmerksam, ob auch wirklich alles in Ordnung war.
Raben gelten seit Jahrhunderten als geheimnisvolle Tiere. In Märchen und Mythen erscheinen sie oft als düstere Begleiter oder Unglücksboten. Ihr tiefschwarzes Gefieder mit blau-violettem Schimmer und das markante „Kroak“ in der Dämmerung verstärken diese geheimnisvolle Wirkung zusätzlich.
Fürsorgliche Eltern statt düsterer Mythos
Doch ihr sprichwörtlich schlechter Ruf wird den intelligenten Vögeln keineswegs gerecht. Tatsächlich gelten Kolkraben als äußerst soziale und fürsorgliche Tiere. Sie leben monogam und bleiben ihrem Partner meist ein Leben lang treu. Auch Thea und Horst bilden ein solches Paar – selbst wenn Horst nicht unbedingt als Musterbeispiel für einen engagierten Familienvater durchgeht.
Während Thea sich hingebungsvoll um die Aufzucht kümmert, nimmt Horst seine Vaterrolle eher gelassen. An der Fütterung der Jungen beteiligt er sich bislang nicht. Immerhin half er beim Nestbau mit, allerdings mit mäßigem Talent. Seine Konstruktion überzeugte Thea so wenig, dass sie das Nest kurzerhand wieder ausräumte und selbst neu baute.
Seinen Namen verdankt Horst genau dieser etwas tollpatschigen Art. Und auch Thea kam nicht zufällig zu ihrem Namen: Als Jungtier besaß sie besonders buschige Federn über den Augen und erinnerte die Tierpfleger an den früheren Bundesfinanzminister Theo Waigel.
Die vier Jungvögel zeigen inzwischen einen gesunden Appetit. Als Allesfresser erhalten sie von den Tierpflegern eine abwechslungsreiche Ernährung, damit sie früh lernen, welche Nahrung für sie geeignet ist. Kolkraben gehören zu den sogenannten Nesthockern und bleiben noch einige Zeit auf die Versorgung ihrer Eltern angewiesen, bevor sie selbstständig werden.
Neben ihrer sozialen Art beeindrucken Raben vor allem durch ihre außergewöhnliche Intelligenz. Sie können komplexe Probleme lösen, Werkzeuge nutzen und sogar verschiedene Geräusche und Laute nachahmen. Damit die Jungtiere ihre natürlichen Instinkte behalten, wird der Kontakt zum Menschen im Vogelpark bewusst auf ein Minimum reduziert.
Auswilderung als großes Ziel
Langfristig verfolgt der Vogelpark mit der Aufzucht ein klares Ziel: Die weiblichen Jungvögel sollen später ausgewildert werden, um den Bestand der faszinierenden Tiere in freier Wildbahn zu stärken. Männliche Tiere werden dagegen an andere Tierparks vermittelt, da es in der Natur bereits einen Überschuss an männlichen Kolkraben gibt.
Für die spätere Geschlechtsbestimmung wurde bereits vorgesorgt. Den Jungtieren wurden Federkielproben entnommen, die nun im Labor untersucht werden. Äußerlich lassen sich männliche und weibliche Kolkraben nämlich nicht unterscheiden.
Für das Auswilderungsprojekt arbeitet der Vogelpark mit dem Tierpark Hexentanzplatz zusammen. Die Einrichtung am Rand des Naturschutzgebietes Bodetal engagiert sich intensiv für den Schutz bedrohter heimischer Tierarten. Neben Nachzuchtprogrammen kümmert sich der Tierpark auch um verletzte Wildtiere und versucht, möglichst viele Tiere später wieder auszuwildern.
Bis dahin werden im Rabengehege allerdings erst einmal vier kleine Dauerhungrige ihre Mutter und ebenfalls die Tierpfleger auf Trab halten.

