SOLINGEN (mh) – Ein weinendes Baby, das Quietschen einer Schubkarre oder der Ruf „Komm mal her!“ – was zunächst nach einer seltsamen Geräuschkulisse klingt, stammt nicht von den Besuchern des Solinger Vogel- und Tierparks. Verantwortlich ist Eichelhäher Elvis, ein farbenprächtiger Rabenvogel mit erstaunlichem Talent zur Nachahmung. Gemeinsam mit seiner Partnerin Elvira gehört er zu den außergewöhnlichsten und beliebtesten Bewohnern des Parks.
Elvis gibt Kommandos
Unter den heimischen Rabenvögeln gilt der Eichelhäher als wahres Schmuckstück. Sein Gefieder schimmert in warmen Braun- und Rosatönen, während die auffälligen blau-schwarz gestreiften Flügelfelder sofort ins Auge fallen. Dazu kommen die schwarz-weißen Flügelzeichnungen, der schwarze Schwanz und der markante Bartstreif am Kopf.
Besonders eindrucksvoll wird sein Erscheinungsbild, wenn er aufgeregt ist. Dann stellt er die Scheitelfedern zu einer auffälligen Haube auf. Genau diese Frisur erinnerte die Mitarbeiter des Vogelparks an die berühmte Tolle des King of Rock’n’Roll. Der Name „Elvis“ war damit schnell gefunden.
Sein Gesang allerdings hat mit dem berühmten Namensvetter wenig gemeinsam.
In freier Wildbahn übernimmt der Eichelhäher eine wichtige Aufgabe. Sein lautes, heiseres „Rätschen“ warnt andere Tiere zuverlässig vor Gefahren. Deshalb wird er oft als „Waldpolizei“ bezeichnet.
Taucht ein Fremder im Revier auf, schlägt der Vogel sofort Alarm. Rehe, Eichhörnchen und andere Waldbewohner profitieren von diesem Frühwarnsystem und können sich rechtzeitig in Sicherheit bringen.
Doch der Eichelhäher kann noch mehr.
Elvis – Meister der Imitation
Rabenvögel gehören zu den intelligentesten Vögeln überhaupt. Eichelhäher sind wahre Meister der Nachahmung und können Stimmen anderer Tiere sowie zahlreiche Umweltgeräusche täuschend echt imitieren.
In freier Natur ahmen sie besonders gerne den Ruf des Mäusebussards nach. Mit diesem Trick vertreiben sie andere Vögel oder sorgen dafür, dass echte Bussarde ein vermeintlich bereits besetztes Jagdrevier meiden.
Elvis hat diese Begabung perfektioniert. Er ruft regelmäßig „Komm mal her!“, imitiert ein weinendes Baby, das Quietschen einer Schubkarre oder sogar das Auslösegeräusch einer Digitalkamera. Besonders beliebt ist sein Ruf nach „Papa“, denn er weiß ganz genau, dass sich damit oft Aufmerksamkeit oder sogar eine kleine Belohnung gewinnen lässt.
Seine Partnerin Elvira dagegen bleibt lieber still. Während Elvis jeden Besucher akustisch überrascht, beobachtet sie das Geschehen eher aufmerksam aus dem Hintergrund.
Die Geschichte von Elvis ist außergewöhnlich. Er wurde als Handaufzucht großgezogen und lebte lange Zeit in einer Familie. Dort wurde er wie ein Familienmitglied behandelt und entwickelte eine starke Prägung auf den Menschen.
Eine Auswilderung war dadurch nicht mehr möglich. Im Vogelpark fand Elvis schließlich ein neues Zuhause. Damit er nicht allein bleiben musste, suchten die Tierpfleger nach einer passenden Gefährtin und fanden sie in einer Volierenzucht. Seitdem lebt Elvira an seiner Seite.
Auch wenn die beiden bislang auf eigenen Nachwuchs verzichtet haben, bilden sie ein harmonisches Paar.
Gärtner des Waldes
Der Eichelhäher trägt seinen Namen nicht ohne Grund. Eicheln gehören zu seinen absoluten Lieblingsspeisen. Im Herbst beginnt für ihn die große Sammelzeit.
Wie ein Eichhörnchen legt er Vorräte für den Winter an und versteckt Eicheln, Bucheckern und Haselnüsse an unzähligen Orten. Bis zu 3.000 Eicheln kann ein einzelner Vogel in einer Saison vergraben.
Doch selbst das beste Gedächtnis stößt irgendwann an seine Grenzen. Viele Verstecke geraten in Vergessenheit – und genau daraus entstehen später neue Bäume.
Aus diesem Grund wird der Eichelhäher oft als „Gärtner des Waldes“ bezeichnet. Ohne es zu beabsichtigen, trägt er maßgeblich zur Verbreitung von Eichen und anderen Baumarten bei.
Ameisen als natürliche Wellness-Anwendung
Auch bei der Körperpflege zeigt sich der Eichelhäher erfinderisch.
Um lästige Parasiten loszuwerden, setzt er sich mitten in einen Waldameisenhaufen. Dort stört er die Ameisen so lange, bis diese ihre Ameisensäure verspritzen. Die Säure wirkt wie ein natürliches Mittel gegen Parasiten und hilft bei der Gefiederpflege.
Für die tägliche Reinigung bevorzugt der Vogel allerdings die deutlich angenehmere Variante: ein ausgiebiges Sandbad.
Seit Jahrhunderten fasziniert der Eichelhäher die Menschen. In der keltischen Mythologie galt er als heiliger Bote zwischen der Welt der Menschen und der Anderswelt. Seine Fähigkeit, Stimmen nachzuahmen und scheinbar Botschaften aus dem Wald zu überbringen, verlieh ihm einen geheimnisvollen Ruf.
Auch in zahlreichen europäischen Volksmärchen taucht der Eichelhäher als Überbringer von Geheimnissen und verborgenem Wissen auf.
Wer Elvis aufmerksam zuhört, kann leicht nachvollziehen, wie solche Legenden entstanden sind.
Clevere Anpassung an Veränderungen
Doch so zeitlos die alten Legenden auch sein mögen – in der Realität der modernen Natur steht der Eichelhäher vor ganz handfesten Herausforderungen. Während er sich im Wald vor natürlichen Feinden wie Greifvögeln oder Mardern in Acht nehmen muss, ist es vor allem der Mensch, der seinen Lebensraum verändert. Durch die Rodung alter Wälder schwinden wichtige Rückzugsorte und Futterbäume.
Dass der Eichelhäher glücklicherweise noch nicht als gefährdet gilt, verdankt er seinem messerscharfen Verstand und seiner Flexibilität: Als echter Kulturfolger erobert er zunehmend unsere Parks, Gärten und Friedhöfe. Er weiß einfach, wie man das Beste aus jeder Situation macht.
Wer Elvis und Elvira beobachtet, erkennt schnell, warum Eichelhäher zu den faszinierendsten heimischen Vogelarten gehören. Sie sind intelligent, anpassungsfähig, verspielt und manchmal erstaunlich frech.
Ob als Waldpolizist, Gärtner des Waldes, Stimmenimitator oder geheimnisvoller Bote aus alten Legenden – der Eichelhäher vereint viele Talente in einem einzigen Vogel.
Und während Elvira das Geschehen aufmerksam verfolgt, sorgt Elvis weiterhin dafür, dass im Vogelpark garantiert keine Langeweile aufkommt. Vielleicht ruft er beim nächsten Besuch sogar schon nach Ihnen: „Komm mal her!“

