SOLINGEN (mh) – Wer am vergangenen Samstag mit Saga Grünwald durch den Wald zog, bekam weit mehr geboten als eine gewöhnliche Wanderung. Unter dem Titel „Die Mystik der Bäume“ öffnete sich für die Teilnehmer eine faszinierende Welt voller alter Überlieferungen, heilkundlicher Weisheiten und geheimnisvoller Baumgeister.
Denn Bäume sind weit mehr als nur stille Begleiter am Wegesrand. Schon Kelten und Germanen sahen in ihnen lebendige Wesen mit eigener Kraft, eigenem Charakter und tiefer spiritueller Bedeutung. Dieses alte Wissen brachte Grünwald auf lebendige und mitreißende Weise zurück in die Gegenwart.
Von der Buche bis zum Holunder
Gleich zu Beginn stand die majestätische Buche im Mittelpunkt. Mit ihrer gewaltigen Höhe wurde sie von Grünwald als „Kathedrale der Natur“ beschrieben. Ihre Bucheckern ernährten Mensch und Tier, junge Blätter galten als Delikatesse. Auch sprachgeschichtlich hat die Buche Spuren hinterlassen: Die germanischen Runen wurden einst in Buchenstäbe geschnitzt – daher stammt das Wort Buchstabe.
Besonders geheimnisvoll wurde es an der Eibe. Ihr Holz diente bereits vor Jahrtausenden als Werkstoff – sogar Ötzi trug einen Bogen aus Eibenholz. Gleichzeitig galt sie als Baum der Schwelle zwischen Leben und Tod und war der Totengöttin Cailleach geweiht.
Die Hasel wiederum symbolisierte Weisheit, Glück und Fruchtbarkeit. Grünwald erzählte die Sage von fünf Lachsen, die in einem magischen Teich lebten und durch Haselnüsse außergewöhnliche Weisheit erlangten. Kein Wunder also, dass das Fällen eines Haselstrauchs einst tabu war.
Auch der Weißdorn sorgte für Staunen. Seine dichten Dornenhecken galten früher als Schutz vor bösen Geistern und Krankheiten. Vielleicht, so Grünwald augenzwinkernd, schlief Dornröschen tatsächlich hinter einer Weißdornhecke.
Dornenhecken, Donner und Frühlingszauber
Mitten im Wald wurde es dann plötzlich dramatisch: Bei einer Erzählung über die Eiche, Sinnbild für Standhaftigkeit und dem Donnergott (keltisch Taranis, germanisch Thor) geweiht, berichtete Grünwald von einem persönlichen Erlebnis. Als sie einst die Hände auf einen Eichenstamm legte, sei aus heiterem Himmel ein gewaltiges Gewitter losgebrochen. „Ich war in Minutenschnelle völlig durchnässt“, erinnerte sie sich.
Deutlich sanfter zeigte sich die Birke, Baum des Frühlings und des Neubeginns. Früher kehrte man mit Birkenbesen symbolisch den Winter und schlechte Energien aus dem Haus. Geschmückte Birken vor dem Haus galten sogar als Heiratsantrag – ein Brauch, der heute im Maibaum fortlebt.
Auch Märchen fanden ihren Platz. An einer Kiefer erzählte Grünwald die Geschichte „Die stolze Föhre“, in der Güte belohnt und Geiz bestraft wird – ganz nach klassischer Märchentradition.
Zum Abschluss widmete sich die Gruppe dem Holunder, einst auf fast jedem Hof zu finden. Ihm begegnete man mit großem Respekt, denn in ihm wohnten hilfreiche, aber empfindsame Geister. Kleine Opfergaben aus Brot, Milch oder Bier sollten sie gnädig stimmen.
Nach so viel Wissen und Waldzauber wartete noch eine besondere Überraschung: Ein erfrischendes, selbst zubereitetes Getränk mit Fichtensirup.
Große Begeisterung bei den Teilnehmern
Die Besucher zeigten sich begeistert, stellten zahlreiche Fragen und berichteten von eigenen Naturerfahrungen. Grünwald verstand es, fundiertes Wissen mit Humor, Spannung und Erzählkunst zu verbinden.
Die im Odenwald aufgewachsene Autorin lebt seit 2007 in Solingen und veröffentlichte jüngst ihr Buch „Die Mystik der Bäume“ (wir berichteten).
Weitere Führungen geplant
Wer die sagenhafte Welt der Bäume selbst erleben möchte, hat bald wieder Gelegenheit dazu: Eine weitere Führung zur „Mystik der Bäume“ geht durch das Neandertal. Sie findet am 25. April um 10 Uhr statt und dauert etwa 2,5 bis 3 Stunden.
„Die dunklen Geheimnisse des Waldes“ heißt es bei der Führung am 13. Juni 2026 um 10 Uhr. Treffpunkt ist Solingen-Altenbau, wo es Parkplätze am Straßenrand gibt.
Infos und Anmeldungen unter:
www.wildewerkstatt.de/details-registrierung/die-mystik-der-baume-2-die-sagenhafte-welt-im-neanderthal
www.wildewerkstatt.de/details-registrierung/die-dunklen-geheimnisse-des-waldes-giftpflanzen-fuhrung
Eines wurde an diesem Samstag jedenfalls deutlich: Wer achtsam durch den Wald geht, hört vielleicht mehr als nur das Rauschen der Blätter – womöglich erzählen die Bäume ihre uralten Geschichten.

