Website-Icon Das SolingenMagazin

Wie die Diakonie Bethanien im Umgang mit Demenz neue Antworten findet

Wenn Erinnerungen verblassen: Demenz verändert Wahrnehmung und Orientierung, bei der Diakonie Bethanien gehört der einfühlsame Umgang damit zum Alltag. (Foto: © Robert Kneschke - stock.adobe.com)

Wenn Erinnerungen verblassen: Demenz verändert Wahrnehmung und Orientierung, bei der Diakonie Bethanien gehört der einfühlsame Umgang damit zum Alltag. (Foto: © Robert Kneschke - stock.adobe.com)

– ANZEIGE –

SOLINGEN (bgl) – Demenz ist längst kein Randthema mehr. Auch in Solingen zeigt sich, wie stark die Erkrankung den Alltag von Betroffenen, Angehörigen und Pflegekräften verändert und wie sehr sich die Pflege darauf einstellen muss. In den Einrichtungen der Diakonie Bethanien ist dieser Wandel seit Jahren spürbar. Einer, der ihn aus nächster Nähe begleitet hat, ist Rüdiger Jezewski.

Heute ist Jezewski als Referent für das Themenfeld Demenz, Beratung und Teamentwicklung tätig. Seine Aufgabe ist es, Konzepte weiterzuentwickeln, Mitarbeitende zu schulen und die Einrichtungen fachlich zu begleiten. Seit mehr als 25 Jahren ist er mit der Diakonie verbunden und hat sich vom Altenpfleger bis in leitende Funktionen entwickelt. „Ich wollte eigentlich schon immer in die Pflege. Am Anfang hat das nicht geklappt. Über Umwege bin ich dann aber doch hier in Bethanien gelandet und habe hier die Pflegeausbildung zum examinierten Altenpfleger gemacht“, beschreibt er seinen Einstieg.

Als Demenz zur Herausforderung wurde

Anfang der 2000er Jahre veränderte sich die Situation in den Einrichtungen grundlegend. Immer mehr Bewohner waren von Demenz betroffen, gleichzeitig stießen die bestehenden Strukturen an ihre Grenzen. „Das Thema ist dann 2006 hier in Bethanien spürbar geworden, als wir so viele Bewohner in den Häusern hatten, die an Demenz erkrankt waren und wir die Situation nicht mehr richtig bewältigen konnten“, erinnert sich Rüdiger Jezewski. Die Belastung war im gesamten System spürbar. „Ich hatte damals unendlich viele Gespräche mit Angehörigen und Mitarbeitenden, die sagten: So geht es nicht mehr.“

Die Herausforderungen zeigten sich vor allem im Alltag. Gewohnte Abläufe funktionierten nicht mehr, Situationen eskalierten schneller und Konflikte entstanden dort, wo sie früher kaum eine Rolle gespielt hatten. „Das äußerte sich in ganz vielen Missverständnissen“, erläutert Rüdiger Jezewski. Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der veränderten Kommunikation. „Die Betroffenen sprechen sehr häufig aus ihrem emotionalen Empfinden, also in einer Sprache, die fast ausschließlich emotional ist.“ Was für die Betroffenen stimmig ist, wird vom Gegenüber häufig missverstanden – mit unmittelbaren Folgen im Miteinander. Hinzu kommen Situationen, die neue Entscheidungen erfordern. „Plötzlich musste man überlegen: Muss man Zimmer abschließen oder nicht? Wie geht man damit um?“ Auch Angehörige standen dieser Entwicklung oft ratlos gegenüber. „Viele haben nicht mehr verstanden, warum wir die Situation nicht in den Griff bekommen“, erinnert sich der Fachreferent.

Neue Konzepte statt kurzfristiger Lösungen

Die Reaktion der Diakonie Bethanien bestand nicht in einzelnen Maßnahmen, sondern in einer grundlegenden Neuausrichtung. Gemeinsam mit dem Vorstand wurde ein Konzept entwickelt, das langfristig tragen sollte. „Wir wollten ein nachhaltiges Konzept entwickeln, das nicht nur fünf oder sechs Jahre funktioniert“, macht Rüdiger Jezewski deutlich. Dabei blieb der Blick nicht auf Deutschland beschränkt. „Wir haben uns auch europaweit angeschaut, welche Ansätze es gibt.“ Die daraus entstandenen Strukturen wurden ab 2009 beziehungsweise 2010 in Solingen umgesetzt und prägen die Arbeit bis heute.

Rüdiger Jezewski ist Referent Themenfeld Demenz, Beratung und Teamentwicklung bei der Diakonie Bethanien in Solingen-Aufderhöhe. (Foto: © Karl-Heinz Kasper)

Im Zentrum steht seitdem ein veränderter Blick auf die Betroffenen. „Uns ist nicht in erster Linie das Defizit wichtig, sondern der Mensch“, so Rüdiger Jezewski weiter. Dieser Ansatz hat direkte Auswirkungen auf den Alltag in den Einrichtungen. Abläufe werden flexibler gestaltet, Erwartungen angepasst und Freiräume bewusst zugelassen. „Die Bewohner können so sein, wie sie sind.“ Damit verändert sich auch die Perspektive: Verhalten wird nicht mehr primär als Problem verstanden, sondern als sondern der Situation eine Bedeutung gegeben. So wird sie für das Fachpersonal begreifbarer.

Pflegealltag und Qualifikation: Was konkret anders ist

Was bedeutet das konkret im Alltag? In den spezialisierten Bereichen für Menschen mit Demenz unterscheiden sich Abläufe und Haltung deutlich von der klassischen Pflege. Feste klassisch Strukturen treten in den Hintergrund, stattdessen orientiert sich der Tagesablauf stärker an den individuellen Bedürfnissen der Bewohner. Essenszeiten werden flexibler gehandhabt, Rituale angepasst, Anforderungen reduziert. Gleichzeitig entsteht ein geschützter Rahmen, in dem auffälliges Verhalten nicht sofort korrigiert wird, sondern eingeordnet werden kann.

Für das Team erfordert das spezielle Kompetenzen. Neben der regulären Ausbildung spielen Fort- und Weiterbildungen eine wichtige Rolle, insbesondere im Bereich Kommunikation, im Umgang mit herausforderndem Verhalten und in Person-zentrierten Pflege- und Betreuungsansätzen. Jezewski begleitet diesen Prozess fachlich: Als Referent entwickelt er gemeinsam mit dem Kompetenzteam Demenz Schulungskonzepte, berät Teams und sorgt dafür, dass Wissen kontinuierlich in die Praxis übertragen wird.

Pflege neu gedacht: Kommunikation als Schlüssel

Für die Mitarbeitenden bedeutet das einen tiefgreifenden Rollenwandel. „Das Wesentliche ist, dass uns Menschen mit Demenz nicht immer adäquat antworten können“, erklärt Rüdiger Jezewski. Daraus ergibt sich eine neue Form der Pflege, die stärker auf Wahrnehmungnd Beziehung basiert. „Kommunikation ist der Schlüssel.“ Entscheidend ist dabei, hinter die Oberfläche zu schauen. „Welche Gefühle und welche Bedürfnisse stecken hinter dem Verhalten oder der Kommunikation?“, fragt Fachreferent Jezewski. Der Alltag verlangt entsprechend ein hohes Maß Flexibilität. „Ich muss bereit sein, das, was ich eigentlich vorhatte, immer wieder an die Situation anzupassen.“

Ein zentraler Punkt ist die Erkenntnis, dass Demenz nicht erst mit dem Einzug in eine Einrichtung beginnt. „Demenz fängt nicht erst im Altenheim an, sondern viel früher, in der Häuslichkeit“, so Rüdiger Jezewski. Die Diakonie Bethanien reagiert darauf mit einem Ausbau von verschiedenen Beratungs- und Unterstützungsangeboten. Ambulante Dienste begleiten Betroffene und Angehörige frühzeitig, während die Tagespflege eine wichtige Brücke bildet. Sie bietet Orientierung und Struktur für Menschen mit beginnender Demenz und entlastet gleichzeitig das familiäre Umfeld.

Demenz früh erkennen und Prävention als Chance

Auch präventive Ansätze gewinnen an Bedeutung. „Man hat herausgefunden, dass man bis zu 45 Prozent des Risikos reduzieren kann, wenn man präventiv lebt. Eine mediterrane Ernährung mit Omega-3-Fettsäuren beispielsweise spielt dabei eine wichtige Rolle“, zeigt Rüdiger Jezewski auf. Neben der Ernährung nennt die Studie weitere wichtige Präventionsfaktoren, darunter ausreichend Schlaf, regelmäßige Bewegung, geistige Aktivität und Lernbereitschaft, den Verzicht auf Alkohol, Nikotin und Drogen sowie ein aktives soziales Leben. Auch wenn sich Demenz nicht vollständig verhindern lässt, zeigt sich, dass Lebensstil einen Einfluss haben kann.

Die Realität in der Pflege ist jedoch oft komplexer. Immer häufiger treffen mehrere Krankheitsbilder aufeinander, was den Umgang zusätzlich erschwert. „Heute haben wir mehr denn je Menschen mit stark herausforderndem Verhalten“, beobachtet Rüdiger Jezewski. Gerade die Kombination mit anderen psychiatrischen Erkrankungen stellt Einrichtungen vor besondere Herausforderungen. „Das macht es sehr schwer, weil diese Erkrankungen teilweise ganz andere Behandlungsansätze erfordern“, so der Fachreferent.

Wenn Demenz früher beginnt

Neben diesen Entwicklungen rückt ein weiteres Feld zunehmend in den Blick: Demenzerkrankungen bei jüngeren Menschen. Was bedeutet es, wenn jemand mit 48 Jahren aus dem Leben gerissen wird? Wie geht es beruflich und familiär weiter? Die Auswirkungen unterscheiden sich deutlich von denen im hohen Alter, da Betroffene häufig noch mitten im Berufs- und Familienleben stehen. Gleichzeitig fehlen bislang passende Versorgungsstrukturen. „Ich glaube, wir sindarauf noch nicht vorbereitet“, sagt Jezewski

In Solingen setzt die Diakonie Bethanien deshalb auf enge Vernetzung. Kooperationen mit Ärzten, der Stadt dem Regionalbüro Alter-Pflege und Demenz (Land NRW) und weiteren Partnern sollen dazu beitragen, Unterstützung frühzeitig zugänglich zu machen und Versorgung besser zu verzahnen. In den stationären Einrichtungen und den Senioren-Wohngemeinschaften der Diakonie Bethanien selbst werden aktuell mehr als 200 Menschen betreut, ergänzt durch Alltagsbegleiter, ambulante Pflege oder Tagespflege.

Ein Thema, das die Gesellschaft weiter beschäftigt

Demenz wird die Gesellschaft weiter beschäftigen, auch auf lokaler Ebene. Die Erfahrungen aus Solingen zeigen, wie sehr sich Pflege verändern muss, um den Menschen gerecht zu werden. Es geht dabei nicht nur um Strukturen oder Konzepte, sondern um ein grundlegendes Verständnis für eine Erkrankung, die vieles verändert, aber nicht den Wert des Menschen.

Diakonie Bethanien Solingen – Demenzangebote

Wohngruppen:
Integrative Wohnbereiche sowie spezialisierte Demenz-Wohngruppen (u. a. Haus Eiche)

Angebote:
Tagespflege (2 Standorte), mobile Pflege, Beratung für Betroffene und Angehörige

Ansatz:
Personenzentrierte Pflege, flexible Tagesstrukturen, angepasste Kommunikation

Beratung:
Individuelle Gespräche – auch im häuslichen Umfeld, enge Vernetzung in Solingen

Kontakt:
Aufderhöher Straße 169–175, 42699 Solingen
Tel.: 0212 / 63 00 0
Mail: info@diakonie-bethanien.de
Web: www.diakonie-bethanien.de

Die mobile Version verlassen