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Wie erleben die Menschen die Solinger Innenstadt und was folgt daraus?

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Vor allem die untere Hauptstraße ist von Leerstand geprägt. Entsprechen schwach frequentiert ist die Fußgängerzone in diesem Bereich. (Foto: © Bastian Glumm)
Vor allem die untere Hauptstraße ist von Leerstand geprägt. Entsprechen schwach frequentiert ist die Fußgängerzone in diesem Bereich. (Foto: © Bastian Glumm)

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SOLINGEN (bgl) – Wie nehmen die Menschen die Solinger Innenstadt wahr, wo fühlen sie sich sicher, wo unsicher und welche Konsequenzen zieht die Stadt daraus für die weitere Entwicklung des Zentrums? Antworten auf diese Fragen liefern mehrere Gutachten, die die Stadt Solingen nun öffentlich zugänglich gemacht hat. Bei den veröffentlichten Unterlagen handelt es sich nicht um neue Untersuchungen. Zumindest das „Innerstädtische Nutzungskonzept für die Innenstadt von Solingen“ wurde bereits im Jahr 2024 erstellt. Dieses wurde seinerzeit im damaligen Verwaltungsvorstand jeweils einmal beraten, jedoch zunächst nicht weiter veröffentlicht.

Transparente und gemeinsame Entscheidungsfindung

Diese zeitliche Einordnung geht aus einer Auskunft von Christoph Schmidt, Referatsleiter im Referat 2 – Politische Prozesssteuerung und Gremienbetreuung – der Stadt Solingen, hervor. Demnach wurden die Gutachten nach der einmaligen Beratung im Verwaltungsvorstand unter dem damaligen OB Tim Kurzbach (SPD) nicht weiter in politische oder öffentliche Verfahren eingebracht. Danach verschwanden die Unterlagen offensichtlich in den Schubladen, denn geschehen ist seitdem nichts mehr.

Nach Angaben der Stadt Solingen erfolgte die Veröffentlichung nun auf Veranlassung des neuen Oberbürgermeisters Daniel Flemm (CDU). Ziel sei es, die vorliegenden Gutachten im Sinne einer transparenten und gemeinsamen Entscheidungsfindung zur Verfügung zu stellen. Auch die Ratsfraktionen haben demnach die Unterlagen erhalten. Weitere oder neuere Informationen liegen der Stadt nach eigenen Angaben derzeit nicht vor.

Wie die Innenstadt wahrgenommen wird

Die Aussagen zur Wahrnehmung der Innenstadt stammen aus separaten Gutachten zur Kriminalprävention und zum subjektiven Sicherheitsempfinden, die vom Ibis-Institut im Auftrag der Stadt erstellt wurden. Diese Untersuchungen sind inhaltlich klar vom innerstädtischen Nutzungskonzept zu unterscheiden. Grundlage der Sicherheitsstudien ist ein mehrstufiges Untersuchungsdesign. Dazu zählen Passanteninterviews, die in der Solinger Innenstadt durchgeführt wurden. Insgesamt wurden 36 Personen befragt, unter anderem zu ihrem Sicherheitsgefühl bei Tag und bei Nacht sowie zu Orten, an denen sie sich sicher oder unsicher fühlen.

Die Hauptstraße in der Solinger Innenstadt war lange eine zentrale Einkaufsstraße. Heute prägen Leerstände das Bild entlang der Fußgängerzone. (Foto: © Bastian Glumm)
Die Hauptstraße in der Solinger Innenstadt war lange eine zentrale Einkaufsstraße. Heute prägen Leerstände das Bild entlang der Fußgängerzone. (Foto: © Bastian Glumm)

Ergänzt wurden diese Interviews durch vier Fokusgruppen. Zwei mit Jugendlichen, eine mit Seniorinnen und Senioren sowie eine mit Frauen. Ziel war es, unterschiedliche Perspektiven auf die Innenstadt abzubilden und qualitative Einschätzungen zur Wahrnehmung einzelner Orte zu gewinnen. Darüber hinaus führten die Gutachter zwölf  Experteninterviews mit insgesamt 16 Personen durch. Ergänzend wurden vorhandene Daten, etwa aus der Polizeilichen Kriminalstatistik, ausgewertet. Zudem fanden städtebaulich-kriminalpräventive Begehungen ausgewählter Orte in der Innenstadt statt.

Subjektives Sicherheitsgefühl und benannte Orte

Die Ergebnisse der Erhebungen zeigen, dass das Sicherheitsgefühl in der Innenstadt unterschiedlich wahrgenommen wird. Dabei wird unter anderem zwischen Tages- und Nachtzeiten differenziert. Zudem benennen Befragte bestimmte Bereiche, in denen sie sich unsicher fühlen oder die sie meiden. Diese Bereiche werden in den Gutachten als sogenannte „Angstorte“ bezeichnet. Die Einordnung ergibt sich aus der Zusammenführung von Befragungsergebnissen und städtebaulichen Begehungen. Die Einschätzungen werden ausdrücklich als subjektive Wahrnehmungen der Befragten dargestellt.

Die Gutachten zur Kriminalprävention beschränken sich nicht auf die Beschreibung von Wahrnehmungen und Unsicherheiten. Sie enthalten einen konkreten Maßnahmen- und Aktionsplan, der auf die Ergebnisse der Befragungen und Begehungen Bezug nimmt. Ein Schwerpunkt liegt auf der Stärkung von Präsenz und sozialer Kontrolle. Vorgeschlagen werden unter anderem eine Ausweitung der Präsenz des Kommunalen Ordnungsdienstes, insbesondere in den Abendstunden, sowie gemeinsame Fußstreifen von Ordnungsdienst und Polizei. Bestehende Sicherheitszirkel sollen fortgeführt und weiterentwickelt werden.

Innenstadt: Ausbau mobiler Jugendarbeit und Streetwork

Darüber hinaus enthalten die Gutachten zahlreiche soziale und präventive Maßnahmen, die nicht baulich sind. Dazu zählen der Ausbau mobiler Jugendarbeit und Streetwork, die Schaffung konsumfreier Aufenthaltsorte – insbesondere für Frauen – sowie Angebote zur Förderung von Begegnung und Teilhabe. Auch eine stärkere Einbindung der Bewohnerinnen und Bewohner der Innenstadt sowie der Ausbau von Quartiers- und Innenstadtmanagement werden genannt.

Ein weiterer Maßnahmenblock bezieht sich auf den Umgang mit als problematisch wahrgenommenen Situationen im öffentlichen Raum. Vorgeschlagen werden unter anderem ein konsequenteres Vorgehen gegen sogenannte „Incivilities“ wie Müll, Graffiti oder Verunreinigungen, eine verbesserte Reinigung öffentlicher Flächen sowie die gezielte Gestaltung von Aufenthaltsorten für unterschiedliche Nutzergruppen, um Nutzungskonflikte zu reduzieren.

Bauliche und gestalterische Maßnahmen spielen ebenfalls eine Rolle, werden jedoch ergänzend verstanden. Dazu gehören unter anderem Verbesserungen der Beleuchtung, eine höhere Übersichtlichkeit von Wegen und Plätzen sowie die Aufwertung einzelner schlecht einsehbarer Bereiche. Auch eine weitere Begrünung innerstädtischen Flächen wird im Nutzungskonzept vorgeschlagen.

Die Situation in der Solinger Innenstadt ist an vielen Stellen dramatisch. Rund um den Alten Markt ist aber vergleichsweise noch Leben. (Foto: © Bastian Glumm)
Die Situation in der Solinger Innenstadt ist an vielen Stellen dramatisch. Rund um den Alten Markt ist aber vergleichsweise noch Leben. (Foto: © Bastian Glumm)

Das Nutzungskonzept für die Innenstadt

Neben den Sicherheitsstudien hat die Stadt nun auch das „Innerstädtische Nutzungskonzept für die Innenstadt von Solingen“ veröffentlicht. Dieses Konzept wurde im September 2024 im Auftrag der Stadt vom Braunschweiger Stadtplanungsbüro hpu – Dr. Holger Pump-Uhlmann erarbeitet. Das Nutzungskonzept versteht sich als fachliche Konkretisierung des 2019 beschlossenen Integrierten Stadtentwicklungskonzepts (ISEK). Es befasst sich nicht mit subjektiven Wahrnehmungen oder Ängsten, sondern mit der räumlichen und funktionalen Struktur der Innenstadt sowie mit möglichen Entwicklungslinien.

Das Nutzungskonzept stellt fest, dass im untersuchten Innenstadtbereich rund 5.000 Menschen leben und die Innenstadt damit ein dauerhafter Wohnstandort ist. Die Bevölkerung ist im Durchschnitt jünger als im gesamtstädtischen Vergleich. Einpersonenhaushalte stellen einen hohen Anteil, daneben gibt es Haushalte von Paaren mit und ohne Kinder sowie Alleinerziehende. Kinder und Jugendliche sind im Innenstadtgebiet vertreten. Die durchschnittliche Wohndauer liegt unter dem Solinger Durchschnitt.

Leerstände und Mindernutzungen im Einzelhandel

Das Nutzungskonzept zeigt, dass sich die soziale Zusammensetzung innerhalb des Untersuchungsgebiets zwischen den einzelnen Quartieren unterscheidet. In mehreren Quartieren liegt der Anteil von Personen, die Transferleistungen beziehen, über dem gesamtstädtischen Durchschnitt. Auch der Anteil von Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit variiert zwischen den Quartieren. Diese Unterschiede werden im Konzept dokumentiert und räumlich dargestellt.

Der Stadtkern ist laut Nutzungskonzept überwiegend durch eine Bebauung aus der Nachkriegszeit geprägt. Die Gebäude sind häufig drei- bis viergeschossig. In den Erdgeschossen dominieren gewerbliche Nutzungen, während die Obergeschosse überwiegend zum Wohnen genutzt werden. Das Konzept stellt zudem Leerstände und Mindernutzungen im Einzelhandel fest. Innenhöfe sind in vielen Bereichen stark versiegelt und nur eingeschränkt nutzbar.

Nutzungskonzept enthält keine verbindlichen Festlegungen

Die südliche Innenstadt weist eine heterogene Struktur aus Wohnbebauung, Gewerbeflächen, Verkehrsachsen sowie mindergenutzten oder brachliegenden Flächen auf, heißt es im Nutzungskonzept weiter. Es bestünden potenzielle Entwicklungsflächen. Grün- und Freiflächen liegen überwiegend in den Randbereichen des Untersuchungsgebiets, während der Stadtkern nur über wenige öffentlich nutzbare Grünflächen verfügt. Das Nutzungskonzept enthält keine verbindlichen Festlegungen und ist kein Bau- oder Maßnahmenprogramm. Es dient als fachlicher Orientierungsrahmen für weitere Planungen und Entscheidungen.

Mit der Veröffentlichung der Gutachten liegen nun sowohl Erkenntnisse zur Wahrnehmung der Innenstadt durch die Bevölkerung als auch konkrete Vorschläge zum Umgang mit Unsicherheiten sowie konzeptionelle Leitlinien zur baulichen und funktionalen Entwicklung des Zentrums vor. Wie diese Vorschläge umgesetzt werden, bleibt Gegenstand weiterer politischer Beratungen und Entscheidungen. Wur werden weiter darüber berichten.

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Bastian Glumm arbeitet seit vielen Jahren als Textjournalist für diverse Tages- und Fachmedien sowie als Cutter in der Videoproduktion. Der gelernte Verlagskaufmann rief im September 2016 das SolingenMagazin ins Leben.

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