
Von Svitlana Glumm
Engelsklinge
Buch 2 – In Nebel gehüllt
Aus dem Russischen
Kapitel 17.5
Angie runzelte die Stirn.
Warum hatte Craig es nicht für nötig gehalten, ihr eine so wichtige Information mitzuteilen, ärgerte sich das Mädchen. Schließlich war sie keine einfache Mitarbeiterin der Abteilung gewesen, sondern Direktorin der Informationsabteilung. Erst wenige Tage vor seinem Tod hatte der Mann ihr von dem geheimen Rat erzählt. Vielleicht hatte der Direktor später auch vorgehabt zu berichten, dass sich in Amerika genau dasselbe abspielte wie in ganz Europa. Und sie hatte naiv geglaubt, dass man über den Ozean lediglich Kinder brachte. Nun jedoch existierte weltweit keine einzige Abteilung mehr, die den Menschen hätte helfen können, aus der Dunkelheit zu entkommen.
Und was nun? Wie sollte sie Oliver ohne Ausrüstung retten? Erschöpft ließ sie sich in den Sessel fallen. Sie ballte die zitternden Finger zur Faust und schloss für einen Moment die Augen, wohl wissend, dass die Männer und Lucia sie beobachteten.
„Also wusstest du es? Und hast uns deshalb hierhergebracht?“, presste sie hervor und bemühte sich, weder dem einen Anlass zur Sorge noch dem anderen Grund zur Schadenfreude zu geben. Was Lucia betraf, war es Angie gleichgültig, wie die Brünette auf ihre Unruhe reagieren würde. „Warum?“
„Und wohin sonst?“, breitete Adrian die Hände aus. „An den Nordpol?“
Das Mädchen lächelte bitter.
„Lieber ein wenig erfrieren, als ihnen noch einmal zu begegnen“, sie nahm das Martiniglas und leerte es in einem Zug. „Oliver ist bei ihnen?“, Angie wandte den Kopf zum Fenster.
Adrian nickte.
„Jetzt ist mir klar, warum du uns geholfen hast, Adrian“, sagte sie und umfasste mit zwei Fingern den Stiel des Glases, das sie gedankenverloren drehte. „Aus reiner Herzensgüte war es wohl kaum“, fügte sie mit einem gehässigen Lächeln hinzu.
„Jeder hat seine eigenen Interessen, Liebes“, schnalzte der Mann mit der Zunge. „Ihr habt Oliver, ich habe mein Leben. Der Junge ist natürlich selbst schuld. Er hat sich selbst da hineingeritten“, fuhr Adrian mit gleichgültiger Stimme fort. „Ich würde mich jetzt nicht darum scheren, wenn mir die Zusammenarbeit mit euch keinen Nutzen brächte“, gab der Pole schließlich den wahren Grund für dieses Treffen zu.
„Weinat braucht eine Gruppe“, seufzte Angie bitter.
„Ein kluges Mädchen“, grinste Adrian.
Lucia schnalzte mit der Zunge und sah Angie aufmerksam an.
„Schulden müssen beglichen werden, Liebes“, flüsterte der Mann und spielte damit auf den jüngsten Deal in Frankfurt an.
Angie wandte den Blick ab. Sie hatte vorgehabt, den Auftrag zu vermeiden, den sie in den letzten Jahren ausgeführt hatte und hätte es auch getan, wäre da nicht ein Umstand gewesen. Sie hatte viele geliebte Menschen verloren und konnte nicht noch einen opfern.
Adrian hat mich in eine Falle gelockt und nun die Tür zugeschlagen, schoss es ihr durch den Kopf. Der widerliche Kerl hatte seine Netze geschickt ausgelegt.
Angie stellte das leere Glas auf die Armlehne des Sessels.
„Weinat?“, wiederholte Niku und sah sie fragend an, als er das ihm unbekannte Wort hörte. „Was ist das, Angie?“
Lucia richtete sich auf und wartete angespannt auf die Antwort.
Adrian trat näher an den Sessel heran, in dem Angie saß. Er beugte sich so tief über sie, dass seine Lippen beinahe ihr blondes Haar berührten.
„Er weiß es nicht?“, in den Augen des Brünetten tanzten hämische Funken. „Wie ich sehe, herrscht bei euch ja grenzenloses Vertrauen“, fügte er spöttisch hinzu.
In Angie flammte wütende Reizung auf. Sie riss eine alte Kränkung auf. Die Erinnerung daran, wie Adrian einst einfach aus ihrem Leben verschwunden war, ohne jegliche Erklärung. Angie war nicht mehr in der Lage, den Groll zu unterdrücken, den sie längst unter einer Dekade aus Schweigen begraben geglaubt hatte.
„Halt den Mund!“, schrie das Mädchen.
Niku ballte die Finger seiner linken Hand zur Faust, seine Nasenflügel bebten vor Empörung.
„Was hast du da gesagt?“, fauchte er und durchbohrte den Polen mit einem mörderischen Blick. Doch erneut hielt er sich zurück, um keinen Kampf mit dem Mann anzufangen, von dem das Schicksal des Teenagers nun abhing.
Lucia pfiff leise.
„Ganz wie immer, Adrian. Du kannst es einfach nicht lassen, zu sticheln“, sagte sie spöttisch. „Eine wirklich amüsante Unterhaltung.“
Adrian richtete sich auf und runzelte die Stirn.
„Daran ist nichts amüsant, Lucia“, brummte er.
Niku ging um den Sessel herum und stellte sich Angie gegenüber.
„Angie, was ist dieses Weinat?“
Angie schloss erschöpft die Augen.
Zur falschen Zeit, dachte sie. Aber wann war ein unangenehmes Gespräch je zur richtigen Zeit?
„Weinat ist ein geheimer Rat aus Regierungsmitgliedern, die mit der offiziellen Politik nicht einverstanden sind“, antwortete Adrian an ihrer Stelle.
„Und was macht dieser geheime Rat, Angie?“, wandte sich Niku erneut an sie, ohne den Mann ihm gegenüber auch nur eines Blickes zu würdigen.
„Er finanziert die ‚Saviour‘-Abteilungen“, kam die Antwort erneut aus Adrians Mund.
Niku sah den Brünetten finster an.
„Niemand hat dich gefragt, Adrian“, sagte er mit eisiger Stimme. „Wusstest du das?“, sein aufmerksamer Blick blieb auf Angies Gesicht haften.
Angie öffnete die Augen.
„Ja, Niku, ich wusste es“, flüsterte sie und begriff, dass sie einer Antwort nicht ausweichen konnte. Selbst wenn sie die Informationen über den geheimen Rat erst vor wenigen Tagen erhalten hatte, hätte sie sie mit demjenigen teilen müssen, der ihr am meisten vertraute. Doch Angie war ein Mensch, der zu seinem Wort stand, und sie konnte ein Versprechen, Informationen geheim zu halten, nicht brechen. Zumindest nicht bis gestern Abend. Denn derjenige, der sie zum Schweigen verpflichtet hatte, war tot.
Niku hob den Kopf und starrte auf das Gemälde an der gegenüberliegenden Wand.
Er betrachtet ganz sicher nicht den rosafarbenen Himmel über dem Ozean, der vom Sonnenuntergang gefärbt ist, ging es Angie durch den Kopf. Woran Niku in diesem Moment dachte, wagte sie sich nicht vorzustellen. Das Wichtigste war, dass er bereit sein würde, sich ihre Erklärungen anzuhören, sobald sie die luxuriöse Wohnung verlassen hatten, deren Wände unzählige Geheimnisse bargen.
Adrian beobachtete das Paar wie ein listiger Raubtierjäger.
Im Wohnzimmer breitete sich eine peinliche Stille aus. Man hörte das Ticken des Sekundenzeigers einer Uhr aus dem Nebenzimmer. Mit jedem Schlag presste sich Angie tiefer in den Sessel, in der Hoffnung, er möge sie verschlingen, damit sie die düstere Stille nicht länger ertragen musste – eine Stille, die sie am liebsten hätte aufschreien lassen.
Niku setzte die Flasche an die Lippen und trank den Rest aus.
„Wo ist bei dir der Mülleimer?“, wandte er sich an den Gastgeber.
Der Mann deutete auf die Bartheke.
„Stell sie dort hin. Ich werfe sie weg.“
Niku ging zur Theke.
„Also, was machen wir jetzt, Adrian?“, erklang seine Stimme hinter dem Sessel, in dem Angie saß. Man sah ihm an, dass er zwar nicht ruhig geworden war, sich aber zumindest gefasst hatte und nicht länger zögern wollte, die nächsten Schritte anzugehen.
„Wie holen wir Oliver da raus? Wann wird er verlegt?“
„Morgen Nacht“, antwortete Adrian.
„Und euer Weinat wird helfen? Schließlich gibt es keine Abteilungen mehr.“
Der Mann trat an den Sessel heran, den zuvor Niku eingenommen hatte, und setzte sich.
„Da irrst du dich, Niku“, sagte er mit einem Lächeln und tauschte einen Blick mit Lucia. „Es wird Leute geben, die Menschen von der Straße holen.“
„Die ‚Saviour‘-Abteilung?“, fragte Angie verwirrt.
„Natürlich“, Adrians braune Augen verengten sich, als er sie ansah. „Mit euch wird es gelingen, alles zu Ende zu bringen.“
„Und Weinat wird das unterstützen?“, wiederholte Niku seine Frage. Er trat hinter Angie und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Und uns decken? Wir alle verstehen schließlich, was auf dem Spiel steht. Unsere Leben.“
„Selbstverständlich“, antwortete Adrian. „Ich habe doch gesagt, wir verfolgen alle unsere eigenen Interessen.“
Natürlich, dachte Angie bitter. Für dich geht es nur darum, deine eigene Haut zu retten, mehr nicht. Und Oliver ist lediglich ein Vorwand, um uns in die Sache hineinzuziehen.
„Ich selbst bin ebenfalls Mitglied des geheimen Rates und stehe in Kontakt mit dem ersten Stellvertreter.“
„Im Ernst?“, auf Lucias Gesicht zeigte sich Überraschung, doch Angie schien sie eher gespielt als ehrlich. Ihr seid hier alle Schauspieler, flammte es in ihr auf. „Ich dachte, außer Hardley kennst du niemanden aus der Führung. Penelope übrigens auch nicht“, fügte die Brünette mit einem widerwärtigen Grinsen hinzu, als mache sie ihm einen Vorwurf daraus, dass er seine Bekanntschaft mit einer so privilegierten Person, von der kaum jemand wusste, bislang verschwiegen hatte.
„Noch nicht allzu lange“, gab Adrian zu. „Ich hatte die Ehre, vorgestellt zu werden.“
Lucia schnaubte verächtlich, zeigte jedoch kein weiteres Interesse an der neuen Person, die im Gespräch aufgetaucht war – als wüsste sie genau, von wem die Rede war.
„Ich hatte ohnehin vermutet, dass die Abteilungen nicht völlig eigenständig funktionieren konnten“, sagte Niku und kehrte zum Thema des Rates zurück. „Aber dass ausgerechnet du uns helfen wirst …“, er pfiff leise.
„Überrascht?“, schnalzte Adrian mit der Zunge.
„Und ob“, grinste der Junge. In seiner Stimme lagen nun keine metallischen Untertöne mehr, doch freundlich war der Ton, mit dem er den Polen ansprach, dennoch nicht zu nennen.
Die Spannung in der Luft ließ nach und Angie beruhigte sich ein wenig. Dennoch hatte sie nicht vor, im Gespräch mit Adrian das Tempo zu drosseln.
„Also, was stellst du uns zur Verfügung?“, fragte sie und legte ihre Hand auf Nikus Handfläche, die sie leicht drückte.
„Fürs Erste verspreche ich nicht zu viel“, erwiderte der Mann und verfolgte die Bewegung des Mädchens. „Fahrzeuge und einen Operator – selbstverständlich.“
„Koordinaten?“
„Die bekomme ich morgen Abend, Liebes. Die Abteilung ist noch nicht vollständig besetzt“, erklärte Adrian. „Deshalb laufen die Koordinaten dieses Mal ausschließlich über mich. Ich denke, Niku, dein Können wird uns diesmal mehr denn je nützlich sein“, wandte er sich an den Jungen. „Niku ist Rennfahrer“, informierte er Lucia über den Beruf des grünäugigen Brünetten. „Ein Profi.“
Das Mädchen neigte leicht den Kopf und zeigte damit Anerkennung.
Angie sah Adrian verwundert an.
Wenn der Mann glaubte, sie würden für ihn arbeiten, irrte er sich gewaltig. Sie mussten lediglich Oliver herausholen. Die Jungs würden ihr darin hundertprozentig zustimmen. Nicht, dass sie den Menschen nicht helfen wollte, der Straße zu entkommen, aber sie hatte genug davon. Nun sollte jemand anderes diese Verantwortung übernehmen. Am Abend würde sie mit Niku besprechen, wie sie Adrians „verlockendes“ Angebot ablehnen konnten.
Lucias Lippen umspielte erneut ein ironisches Lächeln, als hätte die Brünette Angies Gedanken gelesen.
Unwahrscheinlich, dachte Angie und richtete ihren Blick wieder auf Adrian.
Niku nahm die Hand von Angies Schulter.
„Und wo befindet sich eure Abteilung?“, erkundigte er sich neugierig und ging neben dem Sessel in die Hocke.
Adrian kniff die Augen listig zusammen.
Angie richtete den Rücken auf und wurde wachsam.
Was hast du vor, mein Freund?, flammte misstrauisch in ihrem Inneren auf.
„Meine?“, schüttelte der Mann den Kopf. „Nein, Niku, das ist nicht korrekt. Unsere Abteilung“, korrigierte er ihn. „Ich decke euch nur, alles andere werdet ihr erledigen.“
Du kontrollierst, dachte Angie. Sie schnaubte leise. Falsch ausgedrückt, Adrian.
„Weinat hat der Stadt zwei Grundstücke abgekauft, als die Frage der Kinder aufkam.“
Sofort verstand Angie, wovon der Mann sprach.
„Das Lager?“, fragte Niku. „Du meinst das Kinderlager, in das sie gebracht werden, wenn man sie aus den Bussen holt?“
Adrian nickte leicht.
„Und auf dem zweiten Grundstück werden wir die ‚Saviour‘-Abteilung aufbauen, an deren Spitze Angie stehen wird“, erklärte der Mann.
– Fortsetzung folgt –
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Zur Autorin
Svitlana Glumm wurde in Kropywnyzkyj in der Ukraine geboren. Die 46-Jährige studierte an der dortigen Universität Geschichte und später an der Uni in Kiew Journalismus. Als Journalistin arbeitete sie über zehn Jahre für Zeitungen in Kiew und Kropywnyzkyj. Sie verfasste mehrere Bücher, Manuskripte und Kurzgeschichten rund um die Themen Fantasy und Mythologie. Seit April 2022 lebt sie in Solingen.


































