
SOLINGEN (bgl) – Die Stroke Unit am Städtischen Klinikum ist als überregionale Schlaganfall-Versorgungseinheit zertifiziert worden. Grundlage ist ein Audit nach den Qualitätsstandards der neurologischen Fachgesellschaften. Bewertet wurden unter anderem Fallzahlen, personelle Ausstattung, technische Infrastruktur sowie verbindliche Zeitvorgaben in der Akutbehandlung. Die Datenerhebung für das Verfahren basiert auf den Versorgungszahlen des Jahres 2025.
Stroke Unit: Zertifizierung in kurzer Zeit erreicht
Prof. Dr. Marcel Dihné, Chefarzt der Neurologie, bezeichnet die Anerkennung als besondere Teamleistung. Man sei „wahnsinnig stolz darauf, dass das tatsächlich so schnell geklappt hat“. Die Datenerhebung habe 2025 begonnen, auf dieser Basis sei die Zertifizierung erfolgt. „Wir haben in Rekordgeschwindigkeit eine überregionale Stroke Unit Zertifizierung hier auf die Beine gestellt“, sagt Dihné.
Die geprüften Kriterien seien praxisnah ausgelegt. Es gehe nicht um formale Ordnerstrukturen, sondern um konkrete Qualitätsanforderungen in der Versorgung. Entscheidend seien messbare Abläufe, Therapiequoten und Strukturen.
Rund 1.400 Schlaganfall-Verdachtsfälle pro Jahr
Ein zentrales Bewertungskriterium ist das Patientenvolumen. Nach Klinikangaben werden jährlich rund 1.400 Patientinnen und Patienten mit Schlaganfallverdacht behandelt Diese Zahl umfasst alle Fälle, bei denen die Schlaganfall-Diagnostikkette aktiviert wird. Nicht jeder Verdacht bestätigt sich als manifester Infarkt.
Etwa 30 Prozent entfallen nach Einschätzung der Neurologie im Klinikum auf vorübergehende Durchblutungsstörungen (TIA). Hinzu kommen Fälle, bei denen sich der Verdacht später nicht bestätigt, etwa bei Migräne oder anderen neurologischen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen.
Personalstärke rund um die Uhr gefordert
Die Zertifizierung verlangt verbindliche Personalstärken in allen beteiligten Bereichen. Dazu zählen Neurologie, Pflege, Therapie, Neuroradiologie, Neurochirurgie und Anästhesie. Dienstpläne und Rufbereitschaften werden im Audit detailliert geprüft. Ein Schwerpunkt liegt auf der Geschwindigkeit der Behandlung ab Klinikaufnahme. „Wenn der Patient die Tore der Klinik betreten hat, dann zählt unsere Zeit. Da können wir uns kein Schlendrian leisten“, macht Dihné deutlich. Als Zielvorgabe gilt: „Der Patient soll, nachdem er zur Tür reingekommen ist, in 30 Minuten diese intravenöse Lysetherapie bekommen haben.“
In diesem Zeitraum erfolgen neurologische Untersuchung, CT-Diagnostik, Zugänge und Therapieentscheidung. Die Lyse wird direkt im CT-Bereich begonnen, um Verzögerungen zu vermeiden. Bei der mechanischen Thrombektomie liegt das angestrebte Zeitfenster bei rund einer Stunde bis maximal anderthalb Stunden bis zum Eingriffsbeginn.

Teamwechsel nach Schließung der Lukas Klinik
Die heute vorhandenen eingespielten Strukturen gehen wesentlich auf den Übergang der neurologischen Versorgung nach der Schließung der Lukas Klinik in Ohligs zurück. Mit dem Ende des Standorts wechselten große Teile der Neurologie und Neuroradiologie geschlossen an das Klinikum Solingen. Dadurch konnten bestehende Teams, Abläufe und Notfallpfade unmittelbar weitergeführt werden. Dieser personelle und strukturelle Transfer gilt intern als wichtiger Faktor dafür, dass die neuen Zertifizierungsanforderungen in vergleichsweise kurzer Zeit erfüllt werden konnten.
Die Neuroradiologie unter Leitung von Chefarzt Dr. Hannes Nordmeyer arbeitet ebenfalls mit gewachsenen Teams weiter. Nordmeyer verweist auf den Vorteil der personellen Kontinuität: Man habe „mit eingespielten Wegen und guten Zeitintervallen direkt daran anknüpfen“ können. Hätte man zunächst neue Mitarbeiter gewinnen und ausbilden müssen, „hätte das den Prozess auch noch mal wesentlich gebremst“.
Die durchgehende 24/7-Verfügbarkeit sei so von Beginn an möglich gewesen. Konstante Teams und feste Kooperationswege spielten für die Geschwindigkeit in der Schlaganfallversorgung eine zentrale Rolle.
Vernetzung und hohe Zahl interventioneller Eingriffe
Die neuroradiologische Befundung ist zudem regional vernetzt. Bilddaten kooperierender Kliniken wie dem EVK Mettmann werden digital zur Auswertung nach Solingen übertragen. Verdachtsfälle werden dort unmittelbar neuroradiologisch bewertet, sodass die Therapiekette früh beginnt.
Für interventionelle Eingriffe werden Patienten anschließend verlegt. Allein aus dem Raum Mettmann habe es im vergangenen Jahr etwa 50 bis 60 Verlegungen zur mechanischen Thrombektomie gegeben, zeigt Nordmeyer auf. Zusammen mit weiteren Zuweisungen – unter anderem aus Remscheid – komme man deutlich auf über 200 Thrombektomien pro Jahr. Neben Gefäßverschlüssen werden dort auch komplexe neurovaskuläre Krankheitsbilder wie Hirnblutungen, Aneurysmen oder Gefäßfisteln interdisziplinär behandelt.
Strukturvorteil durch gebündelte Fachbereiche
Ein entscheidender Faktor für die Zertifizierung sei zudem die enge räumliche und organisatorische Verzahnung der beteiligten Disziplinen. Neurologie, Neuroradiologie, Neurochirurgie, Intensivmedizin und Notaufnahme arbeiten am Standort unter einem Dach zusammen. Dadurch entstehen kurze Wege in der Akutversorgung, insbesondere zwischen Notaufnahme, CT-Diagnostik und interventioneller Therapie. Gerade bei zeitkritischen Schlaganfallbehandlungen gelte diese Struktur als wesentlicher Qualitätsfaktor.
































