
Solingen (mh) – Es knackt, es knirscht, es schmilzt. Was die Besucherinnen und Besucher am vergangenen Sonntag im Kunstmuseum Solingen erlebten, war weit mehr als eine Performance. Es war ein sinnliches, beinahe meditatives Erlebnis über Distanz, Verletzlichkeit und die leise Hoffnung auf Veränderung.
Im Rahmen der Ausstellung „Ganz dünnes Eis“ präsentierte das Künstlerinnenduo kunstimwaldzimmer eine eindrucksvolle Live-Inszenierung, die das Publikum in ihren Bann zog. Hinter dem Kollektiv stehen Stephanie Eickmeyer und Carina Spanu, die seit 2022 unter dem Motto „Infuse the tomorrow with creative collaboration“ gemeinsam künstlerische Prozesse erforschen und dabei gezielt auf Zusammenarbeit als Motor für gesellschaftlichen Wandel setzen.
Ein Kreis aus Eis und zwei Masken
Im Zentrum der Performance: ein großer Kreis aus unterschiedlich großen Eisblöcken. Darin stehen sich die beiden Künstlerinnen gegenüber, ihre Gesichter verborgen hinter überdimensionierten Masken. Ihre Bewegungen sind langsam, vorsichtig, fast tastend. Es ist ein Spiel mit Nähe und Distanz, mit Unsicherheit und vorsichtiger Annäherung.
Das Eis wird zum zentralen Symbol. Es begrenzt, trennt, wirkt kühl und unnahbar. Stück für Stück zerbricht es unter den Händen der Performerinnen. Und doch liegt in dieser Zerstörung auch eine stille Erkenntnis. Denn das Eis beginnt zu schmelzen, wenn es lange genug gehalten wird. Wärme entsteht durch Berührung.

Begleitet wird das Geschehen von elektronischen Klängen, ein akustisches Geflecht aus Knacken, Knirschen und fast singenden Eisgeräuschen, das eine mystische Atmosphäre schafft und die emotionale Wirkung verstärkt.
Die Performance greift das zentrale Thema der Ausstellung auf: die Fragilität unserer Zeit. „Dünnes Eis bricht und verwandelt“, erklären die Künstlerinnen. „Es setzt Grenzen und schafft Distanz. Ein Zustand von Unsicherheit und Verletzlichkeit.“
Die Masken stehen dabei sinnbildlich für soziale Kälte, das Verbergen von Emotionen, das Aufrechterhalten von Distanz im Zwischenmenschlichen. Doch die Performance stellt auch eine entscheidende Frage: Was wäre, wenn Prozesse weniger kalt, dafür sanfter und spielerischer wären?
Kunst als Spiegel gesellschaftlicher Kälte
Eine mögliche Antwort geben Eickmeyer und Spanu selbst: Zusammenarbeit. Trotz bestehender Konfliktpotenziale liege gerade darin die Chance auf Veränderung.
Ihr kreativer Ursprung liegt dabei fernab klassischer Ateliers. Die beiden Künstlerinnen arbeiten bevorzugt im Wald, ihrem „Draußen-statt-drinnen-Atelier“. Dort entstehen Ideen, Videos und Konzepte, die sie nun ins Museum getragen haben.
„Der Wald bringt vieles mit“, sagen sie. „Er ist ein Raum für neue Gedanken.“ Diese Verbindung zur Natur war auch in der Performance spürbar, sowohl in der Materialwahl als auch in der Ruhe und im zyklischen Denken.

Denn ihre Kunst folgt dem Prinzip der „Endless Cycles“: Kreisläufe, in denen Vergängliches in Neues übergeht, egal, ob Zeichnung, Malerei oder Performance. Vieles entsteht temporär, löst sich wieder auf, bleibt flüchtig.
Eigentlich war die Performance als Teil der Finissage geplant. Doch gleich zu Beginn gab es eine erfreuliche Nachricht: Die Jahresausstellung „Ganz dünnes Eis“ sowie die Einzelausstellung „Mit einem Flügelschlag“ von Greta Calaminus werden bis zum 26. April 2026 verlängert.
Kreativität als Spiel
Was bleibt, ist nicht nur die Erinnerung an schmelzendes Eis und knirschende Klänge, sondern auch eine klare Botschaft: Kreativität entsteht im Spiel, im offenen Austausch, im aufmerksamen Miteinander.
„Wichtig ist, sich zu begegnen und zu schauen, was der andere braucht“, sagen die Künstlerinnen. „So bündeln sich Energien. Und daraus entsteht etwas Neues.“


































