
Von Svitlana Glumm
Engelsklinge
Buch 2 – In Nebel gehüllt
Aus dem Russischen
Kapitel 10.4
Das bis zur Übelkeit vertraute Gefühl einer hasserfüllt keuchenden Bestie ließ das Mädchen schneller laufen. Sie biss die Zähne zusammen und ballte die Finger zur Faust. Die Jungen gingen langsam, leuchteten mit Taschenlampen und ahnten nicht, dass sich eine Bedrohung näherte, die weitaus schlimmer war als ein hungriger Luchs. Der Dämon stürmte auf seine Opfer zu, das süße Entzücken eines langsamen, qualvollen Todes erwartend.
Sie musste es schaffen, die Jungs zu überholen, sich zwischen sie und denjenigen zu stellen, der den Körper eines armen Teufels besessen hatte und ihn ohne Aufsehen zu vernichten. Die Jugendlichen, die von einem gnadenlosen Mörder verfolgt wurden, durften nicht ahnen, dass neben ihnen ein Kampf zweier mächtiger Wesen entbrannte. Lucia zog den Dolch aus der Hosentasche und umklammerte fest den Griff.
Rob Roy und Trevor blieben stehen und leuchteten mit ihren Taschenlampen hinter sich.
Himmlische Mächte, beinahe hätte Lucia aufgeschrien, als sie bemerkte, dass die Schritte der Jungen verstummten und die Lichtstrahlen sich in die entgegengesetzte Richtung richteten. Wollt ihr dem Dämon noch anbieten, mit euch spazieren zu gehen, ihr Genies? Haut ab hier, Jungs, und zwar schnell.
„Nein, das sind sie nicht“, ertönte Rob Roys Stimme, und er wandte sich ab, um weiterzugehen. Der Lichtstrahl leuchtete wieder vor den Schotten. Trevor verharrte, lauschend auf die nächtlichen Geräusche des Waldes. Das Rascheln hinter den Jungen ließ ihre Herzen schneller schlagen. Hastig wirbelten die Schüler herum und helle Lichtkegel erhellten die feuchte Erde unter der Mammutbaumkrone.
Was für zwei Trottel! Selbst die Füchse spüren die Annäherung des Unholds und fliehen in ihre Bauten. Und ihr seid bereit, euch ihm auf dem Silbertablett zu servieren, fauchte Lucia verärgert. Eure Sorglosigkeit treibt mich zur Weißglut.
Das Mädchen näherte sich dem Ort, an dem die Jungen standen.
Das Wichtigste war, die Bestie rechtzeitig beim alten Zypressenbaum abzufangen – dann wäre die Arbeit getan und die Menschen würden von nichts erfahren, entschied sie.
Unerwartet änderte der Dämon seine Angriffstaktik. Bei einem weiteren Mammutbaum ging er auf alle viere und kletterte, sich mit scharfen Krallen in die Rinde krallend, den Stamm hinauf. Von Baum zu Baum springend, näherte sich das Ungeheuer unaufhaltsam den Jungen, um von oben zuzuschlagen. Nun war die Chance, unbemerkt zu bleiben, um die Hälfte geschrumpft. Sie musste ebenfalls auf einen Baum klettern und den Dolch auf das Wesen schleudern – oder sich hinter die Jungen stellen und sie vom Boden aus beschützen.
Im ersten Fall hätte Lucia noch die Möglichkeit, den leblosen, nach Verwesung stinkenden Körper zu packen und weit weg von den Menschen zu bringen; im zweiten jedoch würde die Abrechnung mit dem Dämon vor den Augen der schockierten Jugendlichen geschehen. Und dann wäre eine Erklärung unausweichlich. Doch das Allerwichtigste war – alles rechtzeitig zu schaffen.
Als sie den Mammutbaum erreichte und gerade hinaufklettern wollte, spürte Lucia plötzlich neben dem beissend-stechenden Geruch der Verwesung die Anwesenheit eines anderen Engels. Das Mädchen hob den Kopf. Es konnte nicht Leo sein – der Junge war weit im Osten, wohin Kitch die Gruppe geführt hatte.
Ein Engel sprang mühelos von Ast zu Ast, versperrte dem Unhold den Weg. An der Kraft, die von ihm ausging, konnte man erkennen, dass es sich um einen Wächter handelte. Ein Späher wie Lucia. Der Engel erkannte sofort, wie er unentdeckt bleiben konnte und landete nach einem Sprung auf denselben Mammutbaum wie der Dämon. Das Wesen zischte drohend und wollte den Gegner angreifen, als plötzlich eine Klinge in der Luft aufblitzte und seine Absicht durchkreuzte.
Der Dämon schwankte und wäre direkt vor den Jungs, die sich in diesem Moment unter dem Baum befanden, zu Boden gestürzt, doch der Wächter packte den verrottenden Körper und verschwand mit ihm in den Baumkronen.
Das Rufen einer Eule erklang nur wenige Schritte von Rob Roy entfernt. Der Junge hob den Kopf. Da er nichts Verdächtiges bemerkte, beeilte er sich, Trevor zu folgen.
Lucia steckte den Dolch weg. Wer auch immer der Wächter war, der so rechtzeitig erschienen war – sie war froh über die unerwartete Hilfe. Es waren nur Sekunden bis zum Sprung des Dämons auf die Erde geblieben und das Mädchen hatte verstanden, dass sie es vielleicht nicht rechtzeitig geschafft hätte. Nein – nicht die Jungs zu retten, sondern unentdeckt zu bleiben. Sie dankte dem Engel im Stillen und drehte sich um.
Die Lichtstrahlen der Taschenlampen fielen auf die Stämme der Mammutbäume in der Nähe. Unter den Stimmen der Jugendlichen erkannte Lucia Leos Stimme. Der Junge trieb die Teenager an, zwang sie, schneller zu gehen. Als er die Präsenz des Dämons spürte, wusste Leo, dass das Mädchen mit ihm fertigwerden würde. Dennoch zögerte er nicht und eilte nach Westen.
„Lucia!“ – Roys überraschte Stimme erklang hinter dem Rücken der Brünetten.
„Na, habt ihr euch genug ausgetobt, Jungs?“ – Ein spöttisches Lächeln spielte um Lucias Lippen, als sie sich über die Schulter zu den Schülern umdrehte.
Neben dem Blondschopf stand Trevor. Der Junge blickte in die Ferne.
„Sind das unsere?“ – Er leuchtete mit seiner Taschenlampe in die Richtung, aus der die Stimmen kamen.
Nach einigen Minuten zeichneten sich Gestalten hinter den Stämmen der Mammutbäume ab. Die Schüler hatten sich nach der Party nicht umgezogen und liefen noch immer in ihren Kostümen umher. Die Überheblichkeit und Selbstsicherheit waren aus den Gesichtern der Jungen verschwunden, die Mädchen dagegen sahen verängstigt aus. Ganz offensichtlich hatten die Jugendlichen keine lange Wanderung erwartet, die sich nun in die Suche nach dem Rückweg ins Lager verwandelt hatte.
„Also gehen wir nach Hause?“ – fragte Margo und rieb sich die Hände, um sich zu wärmen.
„Ja. Gehen wir?“ – stimmte ihr Dina zu und zupfte nervös an dem goldenen Faden in ihrem Haar.
„Heult nicht rum!“ – fauchte Kitch. – „Wir haben uns nur ein bisschen verlaufen, das ist alles. Was soll daran so schlimm sein?“
„Ein bisschen?“ – empörte sich Cash, ihre Zähne klapperten vor Kälte.
In Blazer und Rock durch den herbstlichen Wald spazieren – das hältst du nicht lange aus, Liebes, dachte Lucia spöttisch.
Leo trat nach vorn.
„Genug jetzt, Leute“, unterbrach er die bereits beginnende Auseinandersetzung zwischen zwei Klassenkameraden. „Es ist schon spät, wir sollten zurück.“
Ein Lächeln erschien auf Justins schmalem Gesicht.
„Genauer gesagt: früh. Sehr früh“, korrigierte er Leo.
Campbell seufzte erschöpft, während Brian Margo von hinten an den Schultern umarmte.
„Wärmer?“ – fragte er, sich zum Ohr der Brünetten hinabbeugend.
„Ja“, antwortete seine Mitschülerin.
Lucia winkte ab.
„Ja, Leo hat recht, es ist Zeit zurückzugehen“, sagte sie und ließ ihren Blick über die fröstelnden Jugendlichen schweifen. „Sonst erfriert ihr mir hier noch.“
Cash maß Kitch mit einem zornigen Blick.
„Und wer ist daran schuld?“ – Eine unzufriedene Grimasse verzog ihr Gesicht. – „Wer hat behauptet, er kennt den Rückweg?“ – warf das Mädchen dem Spanier vor. – „Kein Grund zur Panik, Cash, keine Karte nötig“, äffte Cash ihn nach. – „Ich kenne mich ausgezeichnet in der Navigation aus und finde den Weg zurück. Wanderungen sind meine Spezialität. Und? Wo sind wir?“ – Schließlich platzte die Brünette heraus und schrie Kitch an: – „Navigator, verdammt nochmal!“
Kitch knurrte als Antwort.
Lucia rollte vielsagend die Augen. Diese Streitereien darüber, wer Recht und wer Unrecht hatte, konnten sich noch bis zum Morgen hinziehen. Deshalb musste man diesem kindischen Gezänk ein Ende setzen. Sie sah zu Justin hinüber. Der Blondschopf war der Einzige in dieser Gesellschaft von von der nächtlichen Wanderung erschöpften Jugendlichen, der nicht verängstigt wirkte. Man könnte vielleicht noch Rob Roy hinzufügen – aber nur deshalb, weil der Junge offenbar noch nicht genug Zeit gehabt hatte, von dem unerwarteten Abenteuer müde zu werden.
Er war schlicht nicht von Angesicht zu Angesicht mit der Bestie zusammengestoßen, die noch vor wenigen Minuten Jagd auf ihn gemacht hatte, dachte das Mädchen mit einem ironischen Schmunzeln.
„Na, Jon Snow“, wandte sich Lucia an den Zehntklässler mit dem Kunstfell auf den Schultern. „Führ deine Wildlinge zurück.“ – Sie deutete nach Süden.
Leo lächelte und wartete, bis das Mädchen mit ihm gleichauf war. Das Gefühl der Anwesenheit eines anderen Engels ließ die Wächter sich umdrehen.
„Geh, ich komme nach“, flüsterte Lucia dem Jungen zu. „Bring die verlorenen Schafe ins Lager.“
Leos graue Augen hefteten sich auf das Mädchen.
„Also muss ich mich für die Rettung bei ihm bedanken“, meinte er und nickte in die Richtung, aus der sich der Engel näherte.
„Diesmal ja.“ – Lucia berührte das Handgelenk des Jungen. „Geht“, sagte sie. „Ich hoffe, wenn wir die Kinder ins Lager gebracht haben, lassen sie mich in Ruhe und ich bekomme wenigstens ein bisschen Schlaf. Morgen Nacht haben wir Arbeit.“
Leo lächelte.
„Hoff’ darauf“, sagte er, berührte mit seinen Lippen Lucias Wange und verschwand hinter den Bäumen, den Jugendlichen folgend, die sich beeilten, ins warme Gebäude zurückzukehren.
Der Wächter befand sich nur wenige Meter von dem Ort entfernt, an dem Lucia stand. Leichte Schritte des Engels verklangen und nur das kaum hörbare Schlagen des Herzens und ruhige Atmen verrieten die Präsenz des Fremden. Das Mädchen spürte seinen langen Blick auf sich ruhen, aber sie drehte sich nicht um. Ein Fremder? Sie hob den Kopf und der linke Mundwinkel zuckte nach oben. Ob der Wächter hinter ihr wirklich ein Fremder war, galt es nun herauszufinden. Ihr inneres Gespür sagte ihr, dass es dazu nicht kommen würde.
Sie drehte sich abrupt um. Auf dem hübschen Gesicht des Mädchens, das von kupferfarbenem Haar umrahmt war, erschien ein Lächeln. In dunkelblauen Jeans und einem eng anliegenden Pullover wirkte sie schlank und die alabasterfarbene Haut verlieh ihrem Erscheinungsbild eine erlesene Zerbrechlichkeit.
„Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns im Wald begegnen würden, Lucia“, durchbrach die Wächterin als Erste die Stille und blinzelte schelmisch.
„Ich habe dein Erscheinen ebenfalls nicht erwartet“, gestand Lucia und verbarg ihre Überraschung hinter der gewohnten Maske der Gleichgültigkeit. „Ist etwa Angel in San Francisco? Obwohl – ich hätte seine Anwesenheit gespürt. Und wenn nicht er hier ist, was machst du dann hier, Marjorie?“
Das letzte Mal hatte das Mädchen die Wächterin – und zugleich Dienerin Ageors – im vergangenen Dezember gesehen, als die Schottin ihr und Leo Flugtickets überreichte. An jenem Abend war Lucia berauscht von ihrem Sieg über Giovanni und fühlte sich großartig. Sie hatte ein paar Worte mit Marjorie gewechselt und sie sogar auf einen Kaffee eingeladen, falls diese einmal in San Francisco vorbeischauen würde.
„Du hast die Einladung bestimmt schon vergessen?“ – erinnerte Marjorie und streckte, als sie zu Lucia trat, die Hand aus.
„Da tust du mir Unrecht“, schnaubte das Mädchen und drückte die zarte Handfläche. „Danke für die Hilfe“, fügte sie hinzu.
Wäre es ein Wächter gewesen, dem Lucia bisher noch nie begegnet war, hätte sie sich wohl kaum bedankt – schließlich war das ja ihre eigentliche Aufgabe.
„Schon gut“, Marj zog ihre Hand aus Lucias Griff. „Also, wirst du mir dein Zuhause zeigen, bevor ich abreise?“
„Wann reist du ab?“
„Morgen Abend“, antwortete das Mädchen. „Man erwartet mich in Toronto.“
Also ist Angel gerade in Kanada und könnte jeden Moment nach Kalifornien kommen, schoss es Lucia durch den Kopf.
„Ich würde dir natürlich gern einen Gruß an Angel mitgeben“, lächelte sie spöttisch, „aber der Anführer von Ageor erinnert sich wohl kaum an eine so bescheidene Wächterin wie mich.“
„Ach, hör doch auf, Lucia.“ – Die Schottin winkte ab und lachte. – „Glaub mir, wenn man jemanden nicht vergessen kann, dann dich. Also, bist du morgen um neun zu Hause?“
Lucia nickte.
„Spearstreet 52“, nannte sie die Adresse ihres Hauses.
„Gut“, sagte Marjorie. „Dann bin ich um neun da. Grüße Leo von mir.“ Sie wandte sich zum Gehen. „Übrigens…“ – das Mädchen warf Lucia über die Schulter einen Blick zu – „wer war eigentlich dieser hübsche Blondschopf?“
„Wessen Hintern du gerade gerettet hast?“
„Genau.“
„Ach, komm schon, Marj“, schmunzelte Lucia. „Erzähl mir nicht, dass du nicht längst seine Gedanken gelesen und seine Erinnerungen gesehen hast. Das glaube ich dir nie.“ – Sie schüttelte den Kopf. – „Wenn Engel sich für einen Menschen interessieren, stöbern sie ohne Skrupel in seinem Kopf herum. Sicher hast du längst erfahren, wie er in den Bus gestiegen ist, wie er das weinende Mädchen bemerkt und mitgenommen hat, als er die Gruppe von Randalierern sah.“
Marjorie seufzte schwer, während ihr neugieriger Blick weiter an Lucia klebte.
„Na siehst du, Schlingel“, grinste Lucia und biss sich auf die Lippe. „Hast du dich etwa in ihn verguckt?“ – Sie erriet den Grund für die Beharrlichkeit der Wächterin, den Namen des Jungen laut hören zu wollen.
Marjorie wandte den Blick ab.
„Und wenn schon?“
Lucia grinste.
„Rob Roy“, sagte sie lachend. „Und du weißt selbst, warum.“ – Sie schnalzte mit der Zunge.
„Witzig“, meinte die Wächterin. „Aus Edinburgh, genau wie ich.“
Lucia hob die Hände.
„Dann weißt du’s ja. Warum hast du dann gefragt?“
„Vielleicht wollte ich sein Name einfach nur hören.“ Ohne sich noch einmal umzudrehen, winkte Marjorie zum Abschied und eilte nach Norden davon.
– Fortsetzung folgt –
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Zur Autorin
Svitlana Glumm wurde in Kropywnyzkyj in der Ukraine geboren. Die 45-Jährige studierte an der dortigen Universität Geschichte und später an der Uni in Kiew Journalismus. Als Journalistin arbeitete sie über zehn Jahre für Zeitungen in Kiew und Kropywnyzkyj. Sie verfasste mehrere Bücher, Manuskripte und Kurzgeschichten rund um die Themen Fantasy und Mythologie. Seit April 2022 lebt sie in Solingen.