
Von Svitlana Glumm
Engelsklinge
Buch 2 – In Hebel gehüllt
Aus dem Russischen
PROLOG
Kaum hatte sie die Grenze überschritten, vernahm Lucia den säuerlichen Geruch von Verwesung. Eine mit weißer Farbe auf schwarzer Erde gezogene Linie trennte das Stadtgebiet vom Lagergelände. Das Mädchen rannte auf den Haupteingang zu. Leo folgte ihr dicht auf den Fersen. Durch die großen Fenster des Lagers sah Lucia Kinder durch den Flur rennen. Die Türen glitten sanft zur Seite, und sie betrat das Gebäude. Das Geräusch hastiger Schritte und ängstlicher Kinderschreie drang aus der Richtung der Halle.
„Ich habe dir doch gesagt, Gail, bring sie nicht dorthin“, fuhr Lucia den Lehrer an. Zwischen all den Panikgeräuschen hörte sie deutlich das dumpfe Krachen eines auf den Marmorboden gefallenen Holztischs. Sie lief in den dritten Stock und steuerte direkt auf die weit geöffneten Türen der Halle zu. Ihr entgegen kam eine Gruppe von Mittelstufenschülern, begleitet von Mr. Peterson. Unter den Schülern waren Sarah, Norris, Dina und Tedd.
„Sind alle hier?“, fragte Lucia den alten Mann.
Gail nickte.
„Es müssten alle sein. Mr. Mendsen ist in die Turnhalle gegangen, um die Kleinen zu holen. Trevor Grün und Justin Stone sind ihm zur Hilfe geeilt.“
„Bring sie raus, Leo“, rief Lucia dem Jungen hinter ihr zu.
Sie drehte sich um und verlangsamte ihren Lauf.
Leo blieb stehen. Überraschung zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.
„Keine Zeit zum Reden“, schnitt Lucia ihm das Wort ab. „Ich schaffe das allein.“ Sie rannte weiter zur Halle.
„Sei vorsichtig“, rief der Wächter hinter ihr her.
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln spielte auf Lucias Lippen.
„Mach dir keine Sorgen!“
In der Dämmerung, die sich über die Stadt senkte, sah Lucia, wie Jugendliche aus der Halle stürmten: Bryan, Campbell, Will.
„Rennt mit Leo zum Ausgang!“, rief sie Patsy und Cash zu, die das Ende der Gruppe bildeten.
Patsy stolperte und wäre gefallen, doch Cash packte sie rechtzeitig am Arm, und die Mädchen rannten weiter zur Treppe.
Plötzlich ging das Licht in der Halle aus und Dunkelheit senkte sich über den Raum. Ein Schrei durchbrach die Luft – hell, klagend und voller Verzweiflung. Lucia verzog schmerzlich das Gesicht. Ein Kind schrie.
Himmlische Mächte, warum haben sie sie in der Halle gelassen? Lucia musste sich zusammenreißen, um nicht zu fluchen. Sie hatte kaum den Eingang erreicht, als zwei Gestalten aus der Dunkelheit auftauchten. Ein Junge hielt ein Mädchen an der Hand. Roys blasses Gesicht zeigte keine Regung und in den Winkeln von Lilibeths smaragdgrünen Augen glänzten Tränen. Lucia atmete erleichtert auf.
Im erleuchteten Flur blieb Roy stehen, beugte sich zu dem kleinen Mädchen und hob es auf den Arm.
„Renn zum Ausgang“, sagte Lucia zu ihm.
Der Junge nickte stumm und lief zur Treppe.
Lucia überschritt die Schwelle zur Halle und wurde sofort von bedrückender Dunkelheit verschlungen. Die Luft war von Angst durchdrungen. Die Leere im Raum überraschte sie nicht. So sollte das Schicksal der Unwesen sein – ein ewiges Dasein in Beklemmung. Doch in dieser unheimlichen Leere hörte sie, wie ein Herz vor Angst wild pochte.
Lucias Pupillen weiteten sich. In der absoluten Dunkelheit sah sie Stühle, die an die innere Wand gerückt worden waren, um Platz für einen Tisch zu schaffen, auf dem einst der Tote lag. Doch der Tisch war verschwunden. Sie ging tiefer in den Raum hinein, vorbei an Holzsplittern und den Scherben zerborstener Glühbirnen.
„Kitch! Kitch!“, hallte Cashs verzweifelter Ruf durch den Flur. „Wo bist du, Kitch?“
Lautlos über den Marmorboden schleichend, näherte sich Lucia dem Dämon. Die Kreatur zischte warnend und öffnete ihr Maul. In der Dunkelheit blitzten schneeweiße Zähne auf. Lucia grinste.
Nur komm her, du Miststück, schnaubte sie innerlich vor Wut. Ihre Nasenflügel bebten. Sie zog einen Dolch aus der Tasche ihrer Hose.
Der Dämon stürmte mit geballten Fäusten auf den Engel los. Lucia stieß sich vom Boden ab, griff mit der linken Hand nach einem der Kronleuchter, die von der Decke hingen, und schlug das Biest mit der Klinge am Kopf. Dann sprang sie hinunter, landete auf einem Knie. Der Dämon wandte sich ihr zu – sein Gesicht von Blut überströmt. Hellrote Tropfen rannen von seinem Kinn auf den Boden. Lucia sprang auf, zog den zweiten Dolch. Sie beugte die Knie und machte sich bereit zum Angriff.
Laut schrie sie auf, um ihre Attacke anzukündigen. Mit fest umklammerten Dolchgriffen stürmte sie auf das Unwesen zu. Ihre vordringlichste Aufgabe war es nicht nur, das abscheuliche Biest zu töten, sondern auch die unglückliche Seele zu retten, die sich hinter der Bühne versteckt hatte und das Geschehen mit Entsetzen verfolgte
– Fortsetzung folgt –
Zur Autorin
Svitlana Glumm wurde in Kropywnyzkyj in der Ukraine geboren. Die 45-Jährige studierte an der dortigen Universität Geschichte und später an der Uni in Kiew Journalismus. Als Journalistin arbeitete sie über zehn Jahre für Zeitungen in Kiew und Kropywnyzkyj. Sie verfasste mehrere Bücher, Manuskripte und Kurzgeschichten rund um die Themen Fantasy und Mythologie. Seit April 2022 lebt sie in Solingen.