
SOLINGEN (bgl) – Mit einer neuen Führungsstruktur stellt sich das Städtische Klinikum Solingen strategisch neu auf. Der personelle Übergang nach dem Ruhestand des langjährigen Medizinischen Geschäftsführers und Ärtlichen Direktors Prof. Dr. Thomas Standl werde dabei bewusst genutzt, um Verantwortlichkeiten klarer zu ordnen und das Haus auf die veränderten Anforderungen der Krankenhauslandschaft auszurichten, hieß es am Mittwoch bei einem Mediengespräch im Klinikum. Dabei wurde deutlich: Die Neuaufstellung ist weniger ein formaler Umbau als ein inhaltlicher Anspruch an Führung, Zusammenarbeit und Versorgung.
Künftig wird das Klinikum durch einen Geschäftsführer, Prof. Dr. Martin Eversmeyer, geführt, darunter sind drei gleichwertige Leitungssäulen angesiedelt: ärztlich, pflegerisch und kaufmännisch. Diese Struktur soll Entscheidungsprozesse bündeln, Fachkompetenzen stärker einbinden und die Leitung des Hauses breiter aufstellen als bisher, betonten die Klinikum-Verantwortlichen am Mittwoch uninsono.

Gesundheitsversorgung als langfristige Aufgabe
Oberbürgermeister Daniel Flemm ordnete die Neuausrichtung in den Kontext der kommunalen Verantwortung ein. Gesundheitsversorgung sei für eine Stadt wie Solingen ein zentraler Bestandteil der Daseinsvorsorge. Ziel bleibe es, das Klinikum dauerhaft als leistungsfähigen Vollversorger zu sichern. Nicht nur stationär, sondern auch in der Notfall- und ambulanten Versorgung.
„Wir stellen das Klinikum so auf, dass es den Anforderungen der kommenden Jahre und Jahrzehnte gerecht werden kann“, machte Daniel Flemm deutlich.
Führung des Klinikums als Teamaufgabe
Geschäftsführer Prof. Dr. Martin Eversmeyer stellte das veränderte Führungsverständnis in den Mittelpunkt. Die neue Struktur sei bewusst so angelegt worden, dass Leitung nicht mehr als Einzelposition verstanden werde. „Wir verstehen uns umso mehr als Team“, sagte Eversmeyer. Dieses Teamverständnis solle sich durch alle Ebenen ziehen.
Ein zentraler Punkt sei dabei die strukturelle Aufwertung der Pflege. Bei der Bildung der neuen Unternehmensleitung sei es „sehr ernsthaft und mit Nachdruck“ darum gegangen, die Pflege stärker in strategische Entscheidungen einzubeziehen als in der Vergangenheit. Das sei kein symbolischer Schritt, sondern eine Konsequenz aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre. Auch die ärztliche Leitung sei bewusst ausgewogen besetzt. Unterschiedliche Fachrichtungen seien vertreten, um medizinische Perspektiven breiter abzubilden und strategische Entscheidungen fachlich fundierter zu treffen.
Wechsel im Aufsichtsrat und in der operativen Verantwortung
Mit der neuen Führungsstruktur geht auch ein Rollenwechsel einher. Kai Sturmfels, zuvor Vorsitzender des Aufsichtsrats, ist als neuer Kaufmännischer Direktor in die operative Verantwortung gewechselt. Prof. Dr. Martin Eversmeyer verwies auf dessen „langjähriges, überdurchschnittliches Engagement“ für das Klinikum und die enge Zusammenarbeit der vergangenen Jahre. Der Wechsel sei Ausdruck des Teamgedankens, der nun auch strukturell umgesetzt werde.

Den Vorsitz des Aufsichtsrats hat Carsten Becker übernommen. Er kennt das Klinikum aus früherer Aufsichtsratstätigkeit und aus seiner Rolle im Beteiligungsmanagement der Stadt. Seine Aufgabe sieht Becker vor allem darin, die Geschäftsführung eng zu begleiten und die strategische Entwicklung des Hauses im Sinne des Gesellschafters Stadt Solingen zu unterstützen.
Ambulante Versorgung: MVZ als Ergänzung
Ein wiederkehrendes Thema des Mediengesprächs war die Rolle der ambulanten Versorgung und insbesondere des Medizinischen Versorgungszentrums des Klinikums. Eversmeyer stellte klar, dass das MVZ nicht als Konkurrenz zu niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten verstanden werde. „Das hat überhaupt gar nichts mit Konkurrenz zu tun“, betonte er, sondern sei als Ergänzung und Unterstützung gedacht.
Angesichts zunehmender Engpässe in der ambulanten Medizin sehe sich das Klinikum in der Verantwortung, zusätzliche Versorgungsangebote zu schaffen. Ziel sei es, Versorgungslücken zu schließen und zugleich die stationäre Medizin zu entlasten. Gespräche und Kooperationen zeigten ein konstruktives Miteinander mit der Kassenärztlichen Vereinigung und niedergelassenen Praxen. Der Anspruch gehe dabei über Einzelmaßnahmen hinaus: Krankenhäuser müssten sich künftig stärker ambulant engagieren, um eine flächendeckende Versorgung sicherzustellen. Das MVZ sei ein Instrument, um diese Verantwortung wahrzunehmen, ohne bestehende Strukturen zu verdrängen.
Wirtschaftlich stabil mit klar benannten Baustellen
Kai Sturmfels beschrieb die wirtschaftliche Ausgangslage des Klinikums als stabil. Ein Vorteil in einem für Krankenhäuser insgesamt schwierigen Umfeld. Diese Stabilität ermögliche es, notwendige Investitionen anzugehen, etwa in Gebäude, Qualität und Ausbildung. Gleichzeitig sprach Sturmfels offen über Schwachstellen im Alltag. Man wisse, dass es Probleme gebe, etwa bei Wartezeiten und der telefonischen Erreichbarkeit. Diese Themen wolle man gezielt angehen. „Die Behandlungsqualität ist top, auf universitärem Niveau“, sagte er, „aber bei den soften Themen müssen wir besser werden.“
Ein zentrales Projekt werde daher die Überarbeitung des gesamten Aufnahmeprozesses sein, von der ersten Kontaktaufnahme bis zur stationären Aufnahme. Das sei komplex und werde Zeit brauchen, sei aber notwendig, um die Patientenzufriedenheit nachhaltig zu verbessern.

Ärztliche Direktion: Zwischen Stationär und Ambulant
Der neue Ärztliche Direktor Prof. Dr. Boris Pfaffenbach beschrieb die Aufgabe der ärztlichen Direktion als dreigeteilt: medizinische Gesamtverantwortung, strategische Weiterentwicklung der medizinischen Schwerpunkte und Mitwirkung in der Unternehmensleitung. Ziel sei es, das Klinikum medizinisch weiter zu profilieren. Für Solingen, aber auch darüber hinaus. Ambulantisierung sei dabei ein zentrales Zukunftsthema, dürfe jedoch nicht zulasten des stationären Kerngeschäfts gehen. „Beides muss laufen“, sagte Pfaffenbach.
Seine Rolle verstehe er auch als verbindendes Element zwischen den einzelnen Kliniken sowie zwischen Ärzteschaft und Pflege. Digitalisierung solle pragmatisch eingesetzt werden. Dort, wo sie Prozesse verbessere und den Patientinnen und Patienten tatsächlich nutze. Sie sei kein Selbstzweck, sondern müsse sich am Versorgungsalltag messen lassen. Der Ärztliche Direktor Prof. Dr. Boris Pfaffenbach wird von Dr. Séverine Iborra und Prof. Dr. Sascha Flohé vertreten, mit denen er die medizinische Gesamtverantwortung für das Klinikum wahrnimmt.
Pflege als Schlüssel zur Versorgungssicherheit
Pflegedirektorin Heike Zinn rückte die Pflege in den Mittelpunkt der Diskussion. Die Corona-Pandemie habe deutlich gemacht, welche Folgen es habe, wenn Pflegepersonal fehle: Dann müssten Betten geschlossen werden. „Das kann sich diese Stadt nicht leisten“, sagte Zinn.
Das Klinikum könne derzeit in der Pflege alle Stellen besetzen. Eine Situation, die es zu halten gelte. Gleichzeitig müsse kontinuierlich an Qualität und Qualifikation gearbeitet werden, betonte die Pflegedirektorin. Die neue Bildungsakademie bezeichnete Zinn als „riesen Geschenk“, ebenso die Kooperation mit der Feuerwehr. Erste Rückmeldungen aus der Ausbildung zeigten bereits, dass Solingen als Ausbildungsstandort an Attraktivität gewonnen habe.
Konkrete Maßnahmen seien unter anderem die Einrichtung einer zusätzlichen IMC-Station zur Entlastung der Intensivversorgung sowie die Einführung von Advanced Nurse Practice. Akademisierter Pflegekompetenz direkt in der Patientenversorgung. Eine der größten Herausforderungen bleibe die Anschlussversorgung. Wenn Patientinnen und Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt nicht weitervermittelt werden können, blockiere das dringend benötigte Betten. Hier sei eine stärkere Vernetzung mit Pflegeeinrichtungen und ambulanten Diensten notwendig, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Stadt.
Neue Führungsstruktur Teil einer größeren Veränderung
Die neauaufgestellte Führungsstruktur ist damit Teil eines größeren Veränderungsprozesses. Neben organisatorischen und personellen Weichenstellungen wird auch die bauliche Weiterentwicklung des Klinikums vorangetrieben. Modernisierung, Neubauprojekte und die Weiterentwicklung des Campus gelten als zentrale Voraussetzungen, um medizinische Leistungsfähigkeit, Arbeitsbedingungen und Patientenerlebnis künftig besser miteinander zu verbinden.
































