
SOLINGEN (bgl) – Ein offenes Ohr im öffentlichen Raum: dieses Angebot gibt es in Solingen bereits seit einem Jahr. Nun kommt ein weiterer Standort hinzu: Jeden Mittwoch von 15 bis 17 Uhr sitzen Ehrenamtliche auf ihrer Zuhörbank im Eingangsbereich des Klinikums Solingen und laden Menschen ein, Platz zu nehmen und ins Gespräch zu kommen. Was einfach klingt, hat einen klaren gesellschaftlichen Anspruch. „Wenn du reden willst, darfst du reden“, beschreibt Birgit Weise das Prinzip. Eine Bank oder zwei Stühle, ein sichtbares Angebot und die Bereitschaft zuzuhören, mehr braucht es nicht.
Aus einer Idee wurde eine Initiative
Die Zuhörbank ist in Solingen an mehreren Orten präsent: im Hofgarten, in der Stadtbibliothek, am Frohnhof und seit einem halben Jahr auch am Walder Rundling. Insgesamt engagieren sich 13 Ehrenamtliche aus unterschiedlichen Berufen, viele von ihnen inzwischen pensioniert. Koordiniert wird das Team unter anderem von Birgit Weise, die selbst regelmäßig an verschiedenen Standorten sitzt.
Angeschlossen ist die Solinger Gruppe an eine überregionale Initiative mit Sitz in Düsseldorf. Elf Städte gehören dem Netzwerk inzwischen an. Von dort erhalten die Ehrenamtlichen Fortbildungen, organisatorisches Know-how und Material. „Wir sind mittlerweile etwas professioneller aufgestellt, auch mit Flyern“, sagt Weise. Anstoß für das Engagement war unter anderem der Messerangriff im Sommer 2024 auf dem Fronhof, bei dem drei Menschen getötet und mehrere weitere verletzt wurden. „Das war für uns eine Initialzündung, etwas zu tun“, erinnert sich Birgit Weise. Die Frage sei gewesen: Was kann man mit wenig Aufwand innerhalb der Gesellschaft bewegen?
Drei bis vier Gespräche in zwei Stunden
Die Erfahrungen aus einem Jahr Zuhörbank sind vielfältig. „Nicht jeder Mensch hat den Mut, sich zu einem fremden Menschen zu setzen und loszureden“, sagt Weise. Eine gewisse Frustrationstoleranz gehöre dazu. Doch wer diese Phase überwinde, merke schnell, wie wichtig das Angebot sei.
Im Hofgarten etwa entstünden in zwei Stunden meist drei bis vier Gespräche, manche dauerten 45 Minuten. Die Themen reichen von Alltäglichem bis zu sehr Persönlichem. Kinder fragen neugierig: „Hörst du wirklich zu?“ Ein Mann bittet um Rat und bekommt stattdessen etwas anderes: „Ich werde dir keinen Rat geben, aber ich werde dir zuhören“, antwortet Birgit Weise. Besonders ältere Menschen, häufig Frauen, nähmen das Angebot an. Männer bräuchten mitunter etwas länger, um sich zu öffnen. „Man muss Brücken bauen. Sprachlich, emotional, mit Freundlichkeit“, macht Birgit Weise deutlich. „Das ist das, was wir schenken: zwei klare Ohren.“
Neuer Ort mit besonderer Atmosphäre
Dass die Zuhörbank nun auch im Klinikum Solingen präsent ist, hat für Birgit Weise eine persönliche Vorgeschichte. Vor Jahren erlebte sie dort selbst eine emotional belastende Situation. „Ich war nicht einsam, aber völlig überfordert. Ich musste warten und habe hier im Foyer geweint“, erinnert sie sich. Rückblickend habe sie gedacht: Ein kurzes Gespräch mit einem Menschen hätte gutgetan.
Gerade im Klinikum träfen Freude und Leid unmittelbar aufeinander. Sorgen um Diagnosen, Angst vor Krankheit und Tod, aber auch Erleichterung und Glück, etwa bei einer Geburt oder einer positiven Nachricht. „Hier kommen Menschen mit ganz unterschiedlichen Gefühlen rein und raus“, erklärt Birgit Weise. Die Ehrenamtlichen starten bewusst behutsam mit zwei Stunden pro Woche. Bei inzwischen vier Standorten und 13 Engagierten müsse genau koordiniert werden, wer wann wo im Einsatz sei. „Wir fangen immer sehr bescheiden an und entwickeln weiter.“
Keine Konkurrenz, sondern Ergänzung
Die Initiative versteht sich nicht als Ersatz für professionelle Angebote. „Wir wollen keine Konkurrenz zu den Grünen Damen oder zur Seelsorge sein“, betont Weise. Vielmehr gehe es um eine Ergänzung im öffentlichen Raum, um ein niederschwelliges Gespräch ohne Termin, ohne Verpflichtung, ohne Bewertung.
Dass im Klinikum auch Gespräche über Krankheit, Tod oder existenzielle Sorgen geführt werden könnten, sei den Ehrenamtlichen bewusst. Einige seien bereits in anderen sozialen Bereichen engagiert und entsprechend vorqualifiziert. Zudem würden entsprechende Themen in Fortbildungen aufgegriffen. Ob im Park, auf dem Platz oder nun im Klinikfoyer: Das Prinzip bleibt gleich. Wer möchte, darf sich setzen. Und wer reden will, findet jemanden, der zuhört.

































