
SOLINGEN (bgl) – Es wird viel diskutiert über den Zustand der Solinger Innenstadt. Über Leerstände, Sicherheit und Sauberkeit. Ein Thema, das die Solinger umtreibt. Seit Jahren. Was ist los in der Solinger City und wie soll es in den kommenden Jahren dort weitergehen? Diese Fragen haben wir Josef Neumann gestellt. Er möchte neuer Oberbürgermeister werden. Der 64-Jährige tritt am 14. September für die SPD zur Wahl an.
Stadtentwicklung Innenstadt
Josef Neumann kennt die Solinger Innenstadt seit Jahrzehnten – und er erlebt sie nicht nur als Politiker, sondern auch im Alltag. Sein Wahlkreisbüro liegt direkt an der Linkgasse. „Es kommen jeden Tag Menschen zu uns, ganz unterschiedliche Menschen mit verschiedensten Anliegen“, erzählt er. Manche hielten das Büro sogar für eine Rathausstelle und wollten ihre Behördengänge erledigen. Andere – vor allem Schülerinnen und Schüler, die sich dort schon mal einen Kuli oder einen Lutscher abholen – kämen einfach so vorbei. Besonders ältere Menschen suchten das Gespräch: „Für viele ist das einer der wichtigsten Kontakte am Tag.“
Neumann blickt auf seine lange Verbindung zur Innenstadt zurück. Vor 36 Jahren zog er an die Kölner Straße 45 ins damalige DGB-Haus, wo er als Jugendbildungsreferent startete – seitdem beobachtet er die Veränderungen. Zwei Einschnitte seien dabei prägend gewesen: Zum einen der Verlust des Hauptbahnhofs in der Innenstadt, „egal, wie der früher ausgesehen hat, es war ein Bahnhaltepunkt, den viele Menschen täglich genutzt haben“. Zum anderen die Entwicklung der Einkaufszentren: erst das Bachtor Centrum, dann die Clemens-Galerien, die anfangs gut liefen, bis der Hofgarten eröffnet wurde. „Mit dem Hofgarten ist im Grunde genommen ein Großteil dessen, was in den Clemens-Galerien war, verschwunden oder hat Solingen ganz verlassen.“
Schließungen von Kaufhof und P&C
Auch die Schließungen von Kaufhof und P&C hätten ihre Spuren hinterlassen. „Das waren wichtige Anker für die Innenstadt. Als die weg waren, ist natürlich der letzte Rest auch weggebrochen.“ Geblieben seien heute vor allem die Stadtbibliothek, die Volkshochschule, das Kino und mit dem „Alex“ ein zentraler Gastronomiebetrieb. „Aber je weiter man die Hauptstraße Richtung Entenpfuhl geht, desto leerer ist es geworden.“ Auch die Gestaltung dort sei „nicht unbedingt eine Meisterleistung der Schönheit“.
Neumann macht deutlich, dass die aktuellen Probleme der Innenstadt kein plötzliches Phänomen sind. „Das, was wir heute erleben, ist nicht zufällig vom Himmel gefallen, sondern hat städteplanerische Ursachen“, sagt er. Entscheidungen wie die Ansiedlung mehrerer Einkaufszentren oder der Verlust wichtiger Anker-Geschäfte hätten die Entwicklung nachhaltig geprägt. „Die Frage ist nicht nur, wie viel Angebot eine Innenstadt braucht, sondern vor allem: Was braucht eine Innenstadt?“ Ein wesentlicher Aspekt beim Thema Leerstand sei auch das veränderte Einkaufsverhalten, so Neumann weiter: Online-Shopping gehört für viele Menschen längst zum Alltag. Das schwäche den stationären Einzelhandel vor Ort – mit der Folge, dass Geschäfte schließen und Leerstände in der Innenstadt entstehen.
Trotzdem sieht Neumann neue, positive Entwicklungen. Am Alten Markt etwa hätten sich zahlreiche Cafés etabliert, die gut angenommen würden. Auch der Fronhof habe sich mit dem Café Kramer und dem Restaurant Olive belebt. Zudem gebe es mit dem neuen griechischen Restaurant „Great“ in den Clemens-Galerien ein starkes gastronomisches Angebot, das neben dem „Alex“ funktioniere. Am Entenpfuhl wiederum habe das Eiscafé „Wunder“ Leben zurückgebracht, ebenso das portugiesische Restaurant „Os Amigos“. „Das hat vorher keiner geglaubt – aber es funktioniert. Die Leute kommen aus der ganzen Stadt und darüber hinaus.“
Die „Helfenden Schirme“ an der Hauptstraße
Auch Initiativen wie die „Helfenden Schirme“ direkt an der Hauptstraße zeigten, dass es Potenzial gebe. „Sobald dort die Tür geöffnet ist, passiert was. Menschen kommen und fragen, was hier gemacht wird. Allein die Frage, ob man dort einen Kaffee trinken könne, zeigt: Es gibt Möglichkeiten.“
Neumann verweist auf Erfahrungen aus Wuppertal, wo ganze Viertel durch Gastronomie, Kultur und bürgerschaftliches Engagement neues Leben gewonnen hätten. Das könne auch in Solingen gelingen – wenn die Eigentümerinnen und Eigentümer mitziehen. „Wenn ich teilweise höre, welche Mietpreisvorstellungen hier existieren, dann sage ich: Damit wird man Leerstand nicht bekämpfen.“ Eine Lösung könne sein, Eigentümer stärker einzubeziehen – oder, als letztes Mittel, eine Leerstandsabgabe, wie sie andere Städte eingeführt haben.
Mehr Grün und Bäume für die Solinger Innenstadt
Wichtig sei außerdem, die Innenstadt hitzeresilienter zu gestalten. „Je mehr Grün und mehr Bäume wir haben, desto besser“, so Neumann. Beim Fronhof müsse ein Kompromiss zwischen den Interessen der Anwohner und neuen Entwicklungsmöglichkeiten gefunden werden. Er verweist auch auf Probleme wie fehlende Barrierefreiheit und die Gefahr von Überschwemmungen bei Starkregen.
Grundsätzlich glaubt Neumann, dass Solingen eine „Renaissance der Fußgängerzone“ erleben kann – wenn man Bürgerinnen und Bürger beteiligt, Fördermittel klug einsetzt und Eigentümer Verantwortung übernehmen. „Auch wenn sich das heute manche nicht vorstellen können: Ich bin überzeugt, dass wir das schaffen können.“

Sicherheit in der Innenstadt
Für Josef Neumann ist das Thema Sicherheit in der Innenstadt mehrdimensional. Er unterscheidet zwischen dem „subjektiven Sicherheitsgefühl“, das viele Menschen empfinden, und den polizeilichen Statistiken. „Gott sei Dank ist Solingen nach wie vor eine der Städte mit vergleichsweise wenig Kriminalität“, sagt er. Zwar habe es in der Vergangenheit Anstiege bei Einbrüchen und körperlicher Gewalt gegeben, aktuell falle aber vor allem eine „massive Zunahme der häuslichen Gewalt“ ins Gewicht – nicht nur in Solingen, sondern in allen drei Städten des Bergischen Landes.
Wie sicher sich Menschen in der Innenstadt fühlen, hänge stark von der Tageszeit ab. „Es ist ein Unterschied, ob ich vormittags über die Hauptstraße oder den Neumarkt gehe, oder abends über den Graf-Wilhelm-Platz am Busbahnhof.“ Besonders ältere Menschen, Jugendliche und Frauen berichteten Neumann in seinem Wahlkreisbüro, dass sie abends Sorge hätten, durch die Innenstadt zu gehen. „Diese Sorgen muss man ernst nehmen.“
Beleuchtung, Ansprechbarkeit und Sichtbarkeit
Sicherheit, so Neumann, dürfe aber nicht nur auf Kriminalität reduziert werden. Sie habe auch soziale Dimensionen. „Wie viele sichere und saubere Spielplätze gibt es? Wie viele gute Aufenthaltsorte?“ Gerade bei der Sauberkeit sieht er Defizite: „Da, wo Dreck liegt, kommt Dreck dazu.“ Zwar gebe es mit dem bekannten Müllwerker Menderes „Menni“ Kalkan ein sichtbares Gesicht für Ordnung, doch das reiche nicht aus.
Für Neumann gehören Beleuchtung, Ansprechbarkeit und Sichtbarkeit wesentlich zum Sicherheitsgefühl. „Es genügt nicht, dass es eine Ordnungspartnerschaft zwischen Ordnungsamt und Polizei gibt, wenn dort wenig Ansprechpartner sind. Wir brauchen vor allem in den Abend- und Nachtstunden mehr Ansprechbarkeit.“ Gerade die Hauptstraße sei abends „stockdunkel“, was Ängste verstärke.
Kombination verschiedener Maßnahmen
Als Lösung denkt Neumann an eine Kombination verschiedener Maßnahmen. Zum einen könne man Sauberkeit mit sozialer Arbeit verbinden: Arbeitsplätze für Menschen schaffen, die gleichzeitig für ein gepflegtes Stadtbild sorgen. Zum anderen brauche es mobile Präsenz an neuralgischen Plätzen wie Neumarkt oder Graf-Wilhelm-Platz – nicht rund um die Uhr, aber gezielt an den Tagen und zu den Uhrzeiten, wo es notwendig sei. „In vielen Städten wird das bereits ausprobiert.“
Auch Prävention sei wichtig, betont er: Aufklärung, aber auch klare Konsequenzen, wenn Regeln nicht eingehalten werden. „Niemand in Solingen darf angepöbelt werden, egal ob jung oder alt. Und man muss konsequent zeigen, dass das nicht funktioniert.“ Ergänzend könne an einzelnen Stellen auch Videotechnik eine Rolle spielen: „In Hamm etwa ist die Kriminalitätsrate durch Videoüberwachung um 20 Prozent gesunken. Das schreckt ab und erleichtert die Strafverfolgung.“
Neumann betont zugleich, dass auch Eigentümer Verantwortung tragen. „Wenn ich sehe, welche Müllberge teilweise nach Feierabend an den Geschäften zurückgelassen werden, dann ist das inakzeptabel.“ Leerstand verschärfe das Problem, da sich niemand verantwortlich fühle. Deshalb sei Sicherheit eine gemeinsame Aufgabe: „Fragen von Anstand, Respekt und Wertschätzung gehen uns alle an – nicht nur die Stadt Solingen oder die Polizei.“
Soziale Situation
Für Josef Neumann ist die soziale Dimension der Innenstadt eng mit Fragen von Sicherheit, Arbeit, Armut und Einsamkeit verknüpft. „Wenn soziale Sicherheit bedeutet, dass man Arbeit hat – was ist mit denjenigen, die keine haben?“, fragt er. Gerade Langzeitarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit seien zentrale Probleme. Gleichzeitig treffe man tagsüber viele Jugendliche in der City: „Da stelle ich mir die Frage, warum sind die nicht in der Schule und warum fällt das niemandem auf?“
Zur sozialen Realität gehöre auch das Phänomen von Armut und Einsamkeit, das sich gerade in der Innenstadt spiegele, weil sie der Ort der Begegnung sei. „Und bei dieser Begegnung gibt es unterschiedliche Vorstellungen vom Umgang miteinander.“ Deshalb sei die soziale Frage eine entscheidende Grundlage – auch für das Sicherheitsempfinden.

Bestehende soziale Projekte in der Innenstadt unterstützen
Wichtig sei, bestehende soziale Projekte in der Innenstadt nachhaltig zu unterstützen. Als Beispiel nennt Neumann das Sozialkaufhaus an der Schlagbaumer Straße, das bald umziehen muss: „Die Innenstadt bietet mit ihrem Leerstand Potenzial, um solche Einrichtungen neu zu verankern und damit zugleich soziale Angebote und Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen.“
Ein weiterer, oft übersehener Aspekt sei die Rolle der Innenstadt als Gesundheitszentrum. Neben Klinikum und der Lungenfachklinik Bethanien im Solinger Stadtgebiet gebe es eine Vielzahl an Fachärzten und Diagnostikangeboten gerade in der Innenstadt. Auch Einrichtungen wie den Gesundheitskiosk an der Mummstraße nennt Neumann. „Wir haben wirklich hochkarätige Fachärztinnen und Fachärzte hier. Das ist etwas, worauf wir stolz sein müssen.“ Auch Krankenkassen wie die AOK hätten ihren Sitz in der Innenstadt. „Das ist nicht nur für die gesundheitliche Versorgung wichtig, sondern auch für Arbeitsplätze – von Ärztinnen und Ärzten bis zu medizinischen Fachangestellten.“
Stärken der Innenstadt deutlicher kommunizieren
Neumann plädiert dafür, diese Stärken deutlicher zu kommunizieren. „Wenn gesagt wird, die Innenstadt sei ganz schlecht, vergessen viele, dass sie morgens selbst hier zum Arzt fahren und nachmittags zu Hause eine völlig andere Wahrnehmung weitergeben.“ Die City sei außerdem ein zentraler Mobilitätsknotenpunkt, mit Neumarkt und Graf-Wilhelm-Platz als Dreh- und Angelpunkten in der Innenstadt neben dem Hauptbahnhof in Ohligs.
Auch für die Zukunft sieht Neumann Potenziale: „Ich glaube nicht, dass wir hier noch einmal große Kaufhäuser erleben werden. Aber wenn wir Leerstände unter dem Gesichtspunkt von Gesundheit, Kultur, Gastronomie und Wohnen betrachten, eröffnet das enormes Zukunftspotenzial.“ Beispiele seien die geplante Seniorenbebauung auf dem Gelände der alten Stadt-Sparkasse, neue Wohnprojekte am Birkerbad oder am Werwolf.
Neumann erinnert an das Beispiel Ohligs, wo sich über einen Zeitraum von 15 Jahren ein neues Quartier entwickelt habe: „Das zeigt, mit Willen, Mut und Zuversicht ist es möglich, auch in der Innenstadt neue Perspektiven zu schaffen.“ Wichtig sei, in kleinen Schritten voranzugehen und positive Entwicklungen sichtbar zu machen. „Es ist besser, über das Erfolgreiche zu sprechen, um andere zu motivieren, als den ganzen Tag zu erzählen, wie schlecht es hier ist.“