
SOLINGEN (mh) – Das künstlerische Zitat bildet für Dirk Balke den Ausgangspunkt vieler seiner Arbeiten. Immer wieder greift er Motive oder ganze Genres aus der Kunstgeschichte auf – etwa das klassische Stillleben oder die Landschaftsmalerei. Diese Bildgattungen, die vor allem im 16. und 17. Jahrhundert ihre Blütezeit erlebten, dienen ihm jedoch nicht als reine Vorlage zur Imitation.
Kunstgeschichte als Ausgangspunkt
Vielmehr stellt sich der Künstler bewusst die Frage, wie sich solche traditionellen Themen in die Gegenwart übertragen lassen. Seine Antwort: Ironie, Humor und überraschende Bildkombinationen. In seinen großformatigen Gemälden tauchen daher neben klassischen Kompositionen plötzlich moderne Alltagsgegenstände auf – etwa iPhone-Kabel, Espressomaschinen oder Comicfiguren.

Auch ungewöhnliche Begegnungen prägen die Bildwelten: Gliederpuppen stehen im Dialog mit plastischen Figuren aus der Popkultur, während am Rand einer Szene eine röhrende Hirschfigur auftaucht – ein Objekt, das man eher aus dem Wohnzimmer eines „Gelsenkirchener Barocks“ kennt, als aus einem Kunstmuseum.
Wenn Stillleben Geschichten erzählen
Die aktuelle Ausstellung konzentriert sich auf zwei zentrale Themen: Stillleben und figurative Stillleben. „Figurativ“ bedeutet dabei nicht, dass Menschen dargestellt werden – stattdessen treten Figuren, Objekte oder Skulpturen in Beziehung zueinander.
Balke erklärt seine Faszination für diese Bildgattung so: „Man kann genau das malen, was man Beziehungen nennt.“

Er verweist dabei auf den italienischen Maler Giorgio Morandi, dessen Stillleben aus einfachen Flaschen, Gläsern oder Vasen bestanden. Durch ihre Anordnung entstanden stille, beinahe lebendige Kompositionen. Dieses Prinzip überträgt Balke auf seine eigene Arbeit: Auch bei ihm entwickeln Objekte durch ihre Position und Beziehung zueinander eine eigene Dynamik.
Der Weg zu dieser Arbeitsweise führte über mehrere künstlerische Stationen. Bis etwa 2016 dominierte in Balkes Werk die Landschaftsmalerei, zuvor experimentierte er auch mit abstrakten Arbeiten. Heute steht das Stillleben im Zentrum seiner künstlerischen Forschung.
Die Winkekatze – Störfaktor und Glücksbringer
Eine besondere Rolle in vielen Bildern spielt die Winkekatze – die aus Japan bekannte Glücksfigur, die mit erhobener Pfote Wohlstand und Erfolg versprechen soll. Ihre Karriere in Balkes Atelier begann jedoch eher zufällig. Eigentlich sollte die Figur bereits im Abfalleimer landen. „Beim Hochklappen des Deckels schaute sie mich so vorwurfsvoll an, dass ich sie wieder herausgeholt habe“, erzählt Balke schmunzelnd.

Seitdem taucht sie immer wieder in seinen Gemälden auf – sehr zum Erstaunen mancher Besucher. Mehrfach habe er gehört, ein Bild wäre „großartig, wenn nicht diese blöde Winkekatze darin wäre“. Für Balke ist genau das der Reiz: „Als Künstler liebt man solche Störfaktoren.“ Mit der Zeit gesellten sich weitere Figuren dazu, sodass die Winkekatze heute Teil eines größeren Bildpersonals geworden ist.
Mythologie und Religion
Viele Werke greifen bekannte Geschichten aus Mythologie oder Religion auf – allerdings in überraschend veränderten Kontexten. Bereits am Eingang der Ausstellung begegnet den Besuchern ein großformatiges Bild zum Mythos des Actaeon. In der antiken Legende beobachtet der Jäger Actaeon die Göttin Diana beim Baden. Zur Strafe verwandelt sie ihn in einen Hirsch, woraufhin er von seinen eigenen Hunden zerfleischt wird. Balke greift dieses Motiv auf und variiert es zusätzlich in zwei kleineren Arbeiten mit Darstellungen der badenden Diana.
Andere Bilder zitieren berühmte Kunstwerke der Malerei. So lehnt sich eine Szene an ein Gemälde von Caravaggio an, in dem der auferstandene Jesus sich zwei Jüngern zu erkennen gibt.

Noch überraschender wird es bei Balkes Interpretation der biblischen Geschichte von Daniel in der Löwengrube. Bei ihm spielt die Szene in der Eissportanlage von Garmisch-Partenkirchen, die im Zusammenhang mit den Olympischen Winterspielen 1936 entstand. Für Balke symbolisiert dieser Ort eine moderne „Löwengrube“. Der humorvolle Höhepunkt: Zwischen den Tatzen des Löwen liegt ein Smartphone.
Auch eine Szene aus dem Kloster Eberbach taucht in seinen Bildern auf: Herodes lässt Salome den Kopf Johannes des Täufers bringen – doch Salome erscheint hier als Manga-Figur.
Figuren mit Charakter
Neben mythologischen Themen integriert Balke auch reale Objekte und Figuren aus seinem Umfeld. Eine Holzfigur des Künstlers Jonas Kötz, der auf der Elbinsel Krautsand lebt und dort charakteristische Skulpturen schnitzt, findet sich ebenfalls in Balkes Bildwelt wieder.
In einem Gemälde steht diese Figur vor dem Gräfrather Lichtturm. Für Balke verkörpert sie „den Spießbürger schlechthin“.

Auch kleinere Details erzählen Geschichten: Ein Hund mit einem Apfel auf dem Kopf erinnert an die Legende von Wilhelm Tell. Das Werk trägt den Titel „Walter Bell“. Selbst Beschädigungen werden nicht retuschiert – fehlende Lackstellen oder herausgebrochenes Porzellan bleiben sichtbar und werden bewusst mitgemalt. Dadurch erhalten die Objekte, so Balke, eine eigene Geschichte und Persönlichkeit.
Einladung zum Staunen und Schmunzeln
Die Werke Dirk Balkes bewegen sich zwischen kunsthistorischem Zitat, ironischer Brechung und erzählerischer Malerei. Gerade diese Mischung eröffnet dem Betrachter neue Perspektiven: Seine Bilder laden zum Staunen, Schmunzeln und Nachdenken ein.
Wer sich auf die vielschichtigen Bildwelten einlässt, entdeckt in jedem Gemälde eine eigene kleine Geschichte.
„Die Erschaffung der Winkekatze“ – Ausstellung und Führung
Die Ausstellung „Die Erschaffung der Winkekatze“ ist noch bis 8. Mai 2026 in den Räumen der Kanzlei Heinekamp und Zielke, Dycker Feld 80, 42653 Solingen, zu sehen.
Öffnungszeiten
Montag – Donnerstag: 8 – 17 Uhr
Freitag: 8 – 14 Uhr
Zudem bietet Dirk Balke persönliche Führungen durch die Ausstellung an – gute Gelegenheiten, die Geschichten hinter den Bildern direkt vom Künstler selbst zu erfahren.
Die Führungen finden am 24.03., 07.04., 21.04. und 05.05.2026, jeweils um 17:30 Uhr statt






































