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Der langsame Tod des Stadions am Hermann-Löns-Weg

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Das Stadion am Hermann-Löns-Weg stirbt einen sehr langsamen Tod. Längst sind die Stehränge so dicht bewachsen, dass das Stadion nur noch schwer als solches zu erkennen ist. Man wartet auf die Abrissbagger. (Foto: © B. Glumm)
Das Stadion am Hermann-Löns-Weg stirbt einen sehr langsamen Tod. Längst sind die Stehränge so dicht bewachsen, dass das Stadion nur noch schwer als solches zu erkennen ist. Man wartet auf die Abrissbagger. (Foto: © B. Glumm)
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SOLINGEN (bgl) – Es war nie die große und leidenschaftliche Liebe, die die Masse der Solinger mit der Union verband. Und genauso nüchtern gingen die meisten Einwohner der Klingenstadt auch mit „ihrem“ Stadion um. Ein eher unwichtiges Konstrukt am Ohligser Stadtrand. So ganz kurz vor Hilden. Das Stadion war stets in städtischer Hand und heute kann man getrost behaupten, dass wenn die Union nicht all die Jahre dort Fußball gespielt hätte, die Schäfchen schon sehr viel früher angerückt wären, um dort die Reste davon wegzuknabbern, was früher mal ein Rasenplatz war.

An der Stelle, wo sich vor Jahrzehnten Fußballgrößen wie Rudi Völler (damals mit 1860), Lothar Matthäus (im Pokal mit Borussia Mönchengladbach), Jürgen Klinsmann (mit den Stuttgarter Kickers) oder Joachim Löw, der mit dem SC Freiburg nach Ohligs kam, die Klinke in die Hand gaben, grasen heute in aller Seelenruhe die Schäfchen.

Den FC Schalke mit 4:0 nach Hause geschickt

Kaum erinnert noch etwas an die ruhmvollen Tage, als die SG Union den FC Schalke mit 4:0 zurück nach Gelsenkirchen schickte (17.09.1983, 12.000 Zuschauer). Oder die beiden Pokalschlachten gegen Borussia Mönchengladbach, die beide recht knapp gegen den Bundesligisten verloren gingen. Selbst der große FC Bayern München spielte in Solingen im Stadion am Hermann-Löns-Weg. 1993 war er zum Benefizspiel zugunsten der Opfer des Solinger Brandanschlags in Ohligs und schlug die Union mit 4:1. Alles nur noch Geschichte. Der Niedergang des Stadions begann analog mit dem Verfall des Vereins Union Solingen.

Dort wo früher legendäre Fußballschlachten geschlagen wurden und sich spätere Stars die Klinke in die Hand gaben, grasen heute die Schäfchen. (Foto: © B. Glumm)
Dort wo früher legendäre Fußballschlachten geschlagen wurden und sich spätere Stars die Klinke in die Hand gaben, grasen heute die Schäfchen. (Foto: © B. Glumm)

Wie viele Zuschauer einst ins Stadion passten, kann niemand so ganz genau sagen. Die Zahl 16.000 kursierte immer und stand auch so im Kicker-Sonderheft. Beim Pokalfight gegen Gladbach am 18. Februar 1985 sollen es sogar erheblich mehr gewesen sein. 2006 wurde diese Zahl ohnehin nur noch Makulatur, da die Zuschauermenge auf 5.000 begrenzt wurde, die allerdings auch nie mehr erreicht wurden. Es wurden erhebliche Verstöße gegen die Versammlungsstättenverordnung festgestellt.

Im Grunde war das Stadion am Hermann-Löns-Weg bereits im Jahr des Abstiegs der Union aus der Zweiten Bundesliga – 1989 – ein Oldie. Keine Wellenbrecher, die Stehränge nicht aus Beton (sondern aus Erde) und auf der Tribüne fehlten Sitzschalen. Parkplätze waren immer Mangelware. Aus rein technischer Sicht hinkte Solingen seinen Mitkonkurrenten bis zuletzt um Jahrzehnte hinterher. Und doch schwärmen nicht nur alte Union-Fans noch heute vom Charme und von der Atmosphäre im Stadion, die man in dieser Form nur in ganz wenigen Arenen hätte finden können.

1982 wurde die Flutlichtanlage nachgerüstet

Besonders die Spiele unter Flutlicht hatten es den Fans angetan. Die vier Masten wurden 1982 nachgerüstet. Damit war es 2009 dann auch vorbei, als diese außer Betrieb genommen werden musste, da ein Notstromaggregat fehlte. Wäre man ein Zyniker, könnte man sagen: Gutes Timing. Denn wirklich gebraucht wurde das Flutlicht nicht mehr. Das letzte Pflichtspiel fand im Stadion am Hermann-Löns-Weg ein Jahr später gegen den KFC Uerdingen statt.

Der 1.FC Union Solingen zerfiel nach neuerlicher Insolvenz schließlich in zwei Nachfolgevereine, die heute in der Kreisliga spielen. Der Untergang des Stadions war jetzt nicht mehr aufzuhalten. Obwohl nicht mehr gekickt wurde, pflegte die Stadt noch lange Zeit den Platz weiter und hielt ihn spielbereit. Anders sah und sieht das auf den Rängen aus. Dort hat sich die Natur längst das zurückerobert, was sie beim Stadionbau 1927 preisgeben musste. Die Stehränge sind von Wildwuchs bewuchert.

Die Tribüne mit einem Fassungsvermögen von rund 2.500 Zuschauern war stets eines der Schmuckstücke des Stadions am Hermann-Löns-Weg. Aber auch sie hat ihre besten Zeiten hinter sich. (Foto: © B. Glumm)
Die Tribüne mit einem Fassungsvermögen von rund 2.500 Zuschauern war stets eines der Schmuckstücke des Stadions am Hermann-Löns-Weg. Aber auch sie hat ihre besten Zeiten hinter sich. (Foto: © B. Glumm)

Wildwuchs auf allen Stehrängen im alten Stadion

Die Vortribüne ist inzwischen so dicht und hoch bewachsen, dass man von der Tribüne aus das ehemalige Spielfeld nicht mehr sehen kann. Auch weht dort kein Windchen mehr. Man hat das Gefühl, man wäre „drinnen“. Die Tribüne wird immer mal wieder von Jugendlichen für Grillpartys und andere „Abenteuer“ aufgesucht. Der Rasen ist längst eine undefinierbare Weide. Immerhin gibt es hier und dort noch Werbebanden am Stadionzaun. Trotzig und unbeirrt wirkend überblicken die vier Flutlichter die traurige Szenerie. Gegengerade, Vortribüne und Südkurve sind wild wuchernde Waldgebiete. Aufgrund der Betonplatten, die es nur in der Nordkurve gibt, ist der Wildwuchs dort etwas dezenter.

Längst wurde vom Rat der Stadt Solingen der Abriss des Stadions beschlossen. Kosten und Nutzen stünden seit langer Zeit in keiner Relation mehr. Vorgesehen ist am Ort des Stadions eine Wohnbebauung. Die Abrissbagger lassen allerdings nach wie vor auf sich warten. Und so stirbt das Stadion am Hermann-Löns-Weg weiter einen langsamen, für manchen Betrachter einen qualvollen Tod, während manch anderer Zeitgenosse dafür bestenfalls nur ein Achselzucken übrig hat.

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