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Endlich Stille: Wie das Klinikum einer Tinnitus-Patientin helfen konnte

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Chefarzt PD Dr. Hannes Nordmeyer im Gespräch mit der 32-jährigen Patientin aus Augsburg, die am Städtischen Klinikum Solingen erfolgreich wegen ihres pulsatilen Tinnitus behandelt wurde. (Foto: © Bastian Glumm)
Chefarzt PD Dr. Hannes Nordmeyer im Gespräch mit der 32-jährigen Patientin aus Augsburg, die am Städtischen Klinikum Solingen erfolgreich wegen ihres pulsatilen Tinnitus behandelt wurde. (Foto: © Bastian Glumm)

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SOLINGEN (bgl) – Elf Jahre lang hörte sie es. Jeden Tag. Ein Rauschen im Ohr, synchron mit ihrem eigenen Herzschlag. Mal leiser, mal lauter, besonders stark im Liegen. Zahlreiche Untersuchungen brachten keine Erklärung. Bis die heute 32-jährige Patientin aus Augsburg schließlich auf Chefarzt Dr. Hannes Nordmeyer und das Institut für diagnostische und interventionelle Neuroradiologie am Städtischen Klinikum Solingen aufmerksam wurde. Wenige Monate später war das Geräusch verschwunden.

Das Rauschen folgte dem Herzschlag

Begonnen hatte alles im Januar 2015. Die damals 21-Jährige studierte, als das Ohrgeräusch plötzlich auftrat. „Ich habe am Anfang gedacht, ich hätte Wasser im Ohr“, erinnert sie sich. Ihren Namen möchte die junge Frau nicht öffentlich nennen. Als das Rauschen nicht verschwand, suchte sie einen HNO-Arzt auf. Dort hieß es: Tinnitus, dagegen könne man nichts machen. Sie versuchte, Stress zu reduzieren. Doch auch nach eineinhalb Jahren hatte sich nichts verändert. Erst ein Tinnitus-Spezialist brachte sie auf eine andere Spur: Mit einem gewöhnlichen Tinnitus habe ihr Problem möglicherweise gar nichts zu tun.

Das Entscheidende: Das Geräusch war pulsynchron. Sein Rhythmus entsprach ihrem Herzschlag. Der Patientin selbst fehlten damals jedoch schlicht die Worte, um das Phänomen entsprechend zu beschreiben. Für sie war es einfach ein Rauschen. Es folgte eine jahrelange Suche nach der Ursache. MRT-Untersuchungen und weitere diagnostische Verfahren brachten zunächst keine Lösung. Selbst nach einer digitalen Subtraktionsangiographie (DSA) im Jahr 2021 blieb die entscheidende Erklärung aus.

Über eine Selbsthilfegruppe nach Solingen

Irgendwann glaubte die junge Frau nicht mehr daran, dass sich noch eine Ursache finden würde. Bis sie erneut auf einen älteren Befund stieß. Darin war eine Stenose erwähnt. Sie erinnerte sich daran, in medizinischen Veröffentlichungen gelesen zu haben, dass eine solche Verengung eine Ursache für pulsatile Ohrgeräusche sein kann. Es begann eine erneute Ärzte-Odyssee. Sie habe sich unter anderem anhören müssen, solche Ohrgeräusche gebe es nicht. Andere hätten ihr geraten, noch einmal sechs Monate abzuwarten oder es mit Sport und Yoga zu versuchen. Nach rund zehn Jahren mit den Beschwerden seien solche Antworten besonders belastend gewesen. Der entscheidende Hinweis kam schließlich aus einer Facebook-Selbsthilfegruppe. Eine andere Patientin berichtete dort von Dr. Hannes Nordmeyer und dessen Arbeit in Solingen. Die 32-Jährige schickte ihre vorhandenen Aufnahmen an das Klinikum.

Für Dr. Hannes Nordmeyer passten Symptome und Bildgebung zusammen. Denn inzwischen konnte die Patientin sehr genau beschreiben, unter welchen Umständen sich das Geräusch veränderte: Im Liegen wurde es besonders laut, im Stehen teilweise deutlich leiser. Bestimmte Kopfhaltungen beeinflussten das Rauschen ebenfalls. Drückte sie seitlich am Hals auf die Vene, konnte sie das Geräusch sogar vorübergehend unterdrücken. „Wenn die Bilder dazu passen mit der Verengung in diesem großen venösen Blutleiter in den Sinus, kann man wirklich am Telefon schon sagen: Der Eingriff wird erfolgreich“, erklärt Nordmeyer. Eine solche Kombination der Symptome bezeichnet er als „optimale Konstellation“.

Wenn Betroffene selbst nach der Ursache suchen müssen

Dass die Augsburgerin ihren eigenen Körper so genau beobachtet hatte, war für die Diagnose hilfreich. Doch längst nicht alle Betroffenen könnten ihre Beschwerden entsprechend einordnen, sagt Chefarzt Dr. Nordmeyer. Viele wüssten schlicht nicht, welche Beobachtungen für einen Arzt entscheidend sein könnten. „Fast niemand wird von irgendeinem Arzt auf die richtige Spur gesetzt. Also eigentlich kommen alle Patienten durch eigene Recherche zu uns“, berichtet der Mediziner aus seiner Erfahrung.

Genau das hatte auch die 32-Jährige erlebt. Lange habe sie auf die Frage, ob das Geräusch „immer“ vorhanden sei, keine eindeutige Antwort gegeben. Schließlich schwankte seine Lautstärke erheblich. Tatsächlich aber habe es in elf Jahren keinen einzigen Tag gegeben, an dem das Ohrgeräusch vollständig verschwunden war. Die Belastung kann erheblich sein. Nordmeyer berichtet von Patientinnen und Patienten, die unter massiven Schlafproblemen leiden und mit der Situation kaum noch zurechtkommen. Wie stark sich der pulsatile Tinnitus auf das Leben auswirkt, hängt auch davon ab, welche Möglichkeiten Betroffene haben, mit der dauerhaften Belastung umzugehen.

Pulsatiler Tinnitus: Verengung im venösen Blutleiter

Hinter einem pulsatilen Tinnitus kann eine sogenannte Sinusstenose stecken. Dabei handelt es sich um eine Verengung großer venöser Blutleiter im Kopf. Anders als beim klassischen Tinnitus kann damit eine konkrete körperliche und in bestimmten Fällen behandelbare Ursache für das rhythmische Ohrgeräusch vorliegen. Das Institut für diagnostische und interventionelle Neuroradiologie am Städtischen Klinikum Solingen unter Leitung von Nordmeyer hat sich auf die interdisziplinäre Behandlung von Patientinnen und Patienten mit pulsatilem Tinnitus spezialisiert und bietet zudem eine spezielle Sprechstunde für Sinusstenosen an.

Dabei arbeitet die Neuroradiologie eng mit der Klinik für HNO-Heilkunde, Kopf-Hals- & Schilddrüsenchirurgie unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Sesterhenn zusammen. Die fachübergreifende Diagnostik soll dabei helfen, die konkrete Ursache des pulsatilen Tinnitus zu erkennen und einen geeigneten Therapieweg zu entwickeln. Bei der Patientin aus Augsburg stand schließlich fest, dass ein interventioneller Eingriff infrage kam. Und plötzlich ging alles sehr schnell. Im Februar schickte sie ihre Unterlagen nach Solingen, Anfang März erfolgte die weitere Abstimmung und bereits Anfang Mai wurde sie behandelt.

Nach elf Jahren: plötzlich nichts mehr

Den Eingriff selbst hat die 32-Jährige als überraschend unkompliziert in Erinnerung. Nach der notwendigen Ruhephase konnte sie schnell wieder aufstehen und herumlaufen. Abgesehen von leichten Kopfschmerzen bei bestimmten Bewegungen habe sie sich gut gefühlt. Der entscheidende Moment kam jedoch unmittelbar nach dem Aufwachen aus der Narkose. Noch benommen bewegte sie ihren Kopf in genau die Position, in der das Rauschen sonst besonders laut wurde. Sie wollte sofort wissen, ob der Eingriff tatsächlich etwas verändert hatte.

Prof. Dr. Andreas Sesterhenn (li.), Chefarzt der Klinik für HNO-Heilkunde, Kopf-Hals- & Schilddrüsenchirurgie, und PD Dr. Hannes Nordmeyer, Chefarzt des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie, arbeiten am Städtischen Klinikum Solingen bei der Behandlung des pulsatilen Tinnitus eng zusammen. (Foto: © Bastian Glumm)
Prof. Dr. Andreas Sesterhenn (li.), Chefarzt der Klinik für HNO-Heilkunde, Kopf-Hals- & Schilddrüsenchirurgie, und PD Dr. Hannes Nordmeyer, Chefarzt des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie, arbeiten am Städtischen Klinikum Solingen bei der Behandlung des pulsatilen Tinnitus eng zusammen. (Foto: © Bastian Glumm)

Es war nichts mehr zu hören. „Dann sind auch ein paar Tränen gekullert“, erzählt sie. Nach elf Jahren war das Geräusch ihres eigenen Herzschlags verschwunden. „Das werde ich auch nicht vergessen.“ Die weite Fahrt von Augsburg nach Solingen hatte sich für sie gelohnt. Ihre Erfahrung zeige, sagt die Patientin, dass es manchmal wichtig sei, gezielt Ärztinnen und Ärzte aufzusuchen, die sich intensiv mit dem entsprechenden Krankheitsbild beschäftigen.

Behandlung wird wissenschaftlich begleitet

Am Klinikum Solingen werden die Behandlungsergebnisse inzwischen auch systematisch wissenschaftlich untersucht. Klinische Ergebnisse aus Solingen fließen derzeit als einzige aus Deutschland in die internationale RESOLVE-Studie ein. Ein Teil der Patientinnen und Patienten wird dabei mit einem speziell für diese Indikation entwickelten Stent behandelt. Die Studienteilnehmer werden systematisch begleitet, unter anderem mit Tinnitus- und Lebensqualitätsfragebögen sowie Follow-up-Terminen nach drei, neun und 24 Monaten nach der Stent-Implantation.

Auch technisch habe sich die Behandlung erheblich weiterentwickelt. Früher seien Stents eingesetzt worden, die ursprünglich für andere Indikationen entwickelt worden waren. Inzwischen stehe erstmals in Europa ein speziell dafür zugelassenes Produkt zur Verfügung. Die Systeme seien zudem dünner und flexibler geworden. In bestimmten Fällen könne ein solcher Eingriff inzwischen sogar ohne Vollnarkose vorgenommen werden.

Für Nordmeyer ist die technische Entwicklung allerdings nur ein Teil des Fortschritts. „Der größte Durchbruch ist tatsächlich die Vigilanz der Patienten und die Anerkennung dieser Diagnose“, sagt der Neuroradiologe. Erst an zweiter Stelle komme für ihn, dass die Behandlung technisch einfacher geworden sei. Die Geschichte der 32-jährigen Patientin zeigt, warum diese Aufmerksamkeit so wichtig sein kann. Elf Jahre lang gehörte das pulsierende Rauschen zu ihrem Alltag. Heute ist es still.

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Bastian Glumm arbeitet seit vielen Jahren als Textjournalist für diverse Tages- und Fachmedien sowie als Cutter in der Videoproduktion. Der gelernte Verlagskaufmann rief im September 2016 das SolingenMagazin ins Leben.

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