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Niegeloh: ein Solinger Traditionshaus im Wandel

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Vom Rohstahl zum fertigen Etui: Geschäftsführer Torsten Korb und Julia Nippes (Head of Sales) mit einem Niegeloh-Maniküre-Set vor einer Presse in der Solinger Produktion. (Foto: © Bastian Glumm)
Vom Rohstahl zum fertigen Etui: Geschäftsführer Torsten Korb und Julia Nippes (Head of Sales) mit einem Niegeloh-Maniküre-Set vor einer Presse in der Solinger Produktion. (Foto: © Bastian Glumm)

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SOLINGEN (bgl) – Wer eine richtig gute Nagelschere sucht, stößt früher oder später auf einen Namen aus Solingen: Niegeloh. Seit 1936 fertigt das Familienunternehmen kleine Haut- und Nagelscheren für die Maniküre, fast neun Jahrzehnte lang in Familienhand. Im Mai 2024 folgte dann ein klarer Schnitt: Mit einem Eigentümerwechsel schloss sich der Hersteller mit anderen alteingesessenen Solinger Betrieben zu einem Verbund zusammen.

Für das Haus mit seinen heute rund 70 Beschäftigten ist das mehr als eine neue Gesellschafterstruktur. Es ist der Versuch, eine Traditionsmarke über die Schwelle in eine neue Zeit zu tragen, ohne das aufzugeben, was ihren Namen ausmacht: Stahl, Schliff und Fertigung in der Klingenstadt.

Vom Scherenmacher zum Spezialisten

Die Geschichte beginnt 1936, als die Brüder Ernst und Willy Niegeloh in Solingen ihre erste Scherenfabrik eröffnen. Und die Schere ist bis heute das Herzstück geblieben.

„Der größte Teil sind unsere Nagel- und Hautscheren, dazu Babyscheren, Scheren im Allgemeinen für die Maniküre. Die werden komplett von A bis Z hier gemacht“, sagt Julia Nippes, Head of Sales bei Niegeloh. Was das Unternehmen dabei von vielen Wettbewerbern unterscheidet, ist der Werkstoff: „Unser Steckenpferd ist die rostfreie Qualität, damit sind wir eigentlich die Einzigen in Solingen. Viele Solinger haben sich auf den Karbonstahl konzentriert. Wir haben die rostfreie Produktion sehr gut im Griff, beherrschen aber auch den klassischen Kohlenstoffstahl.“

Neben den Scheren zählen vor allem zwei Nagelknipser-Modelle zu den Aushängeschildern, beide vollständig in Solingen gefertigt. Hinzu kommen Zangen, Pinzetten und Fußpflegeinstrumente. „In der Summe ist aber die Schere das, was uns ausmacht“, macht Julia Nippes deutlich.

Handarbeit als Markenzeichen: An der Beethovenstraße werden die Scheren von Hand gerichtet, montiert und geprüft, bevor sie das Haus verlassen. (Foto: © Bastian Glumm)
Handarbeit als Markenzeichen: An der Beethovenstraße werden die Scheren von Hand gerichtet, montiert und geprüft, bevor sie das Haus verlassen. (Foto: © Bastian Glumm)

Alles unter einem Dach: der Zusammenschluss 2024

Dass aus dem Familienbetrieb 2024 Teil eines größeren Verbunds wurde, war eine bewusste Bündelung von Kräften. „Wir tun uns als alteingesessene Solinger Firmen zusammen. Wir kämpfen nicht mehr allein, sondern schließen uns zu etwas Größerem zusammen und nutzen die Ressourcen„, beschreibt Nippes die Idee. Bewusst spreche man dabei von Kooperation.

Unter dem Dach der Gruppe sind heute vier eigenständige Unternehmen versammelt: die Ernst u. Willy Niegeloh GmbH & Co. KG, die Mörser Stahlwaren GmbH, die GöSol Produktions GmbH sowie die auf Nagel- und Hautzangen spezialisierte Decker GmbH. Schon vor dem Zusammenschluss liefen jeweils zwei Firmen gemeinsam: Mörser als Tochter von Niegeloh auf der einen, Decker und GöSol auf der anderen Seite. 2024 wurden die beiden Stränge zusammengeführt.

Der Reiz liegt in der Ergänzung: „Niegeloh war immer stark in der Rohwarenfertigung von Scheren. GöSol hatte keine eigene Rohwarenfertigung und hat die Scheren vor allem zugekauft, hatte dafür aber eine Kunststoffspritzerei, eine Galvanik und mehr. Da hat man einfach die verschiedenen Komponenten zusammengesetzt.“

Tradition trifft Technik: Ein Cobot unterstützt die Fertigung bei Niegeloh, Teil der schrittweisen Automatisierung in der Solinger Produktion. (Foto: © Bastian Glumm)
Tradition trifft Technik: Ein Cobot unterstützt die Fertigung bei Niegeloh, Teil der schrittweisen Automatisierung in der Solinger Produktion. (Foto: © Bastian Glumm)

Fertigung in Solingen: Maschine und Handarbeit

Mit dem Zusammenschluss wurden auch die Standorte gestrafft. Wo der Verbund vor zwei Jahren noch an vier Adressen produzierte, läuft die Fertigung heute gebündelt an der Beethovenstraße zusammen; Lasergravur, Verpackung und Versand finden am Standort Mangenberger Straße statt.

An der Beethovenstraße arbeiten die rund 70 Beschäftigten entlang der gesamten Produktionskette. Die größte Abteilung ist die Prägerei, die Rohwarenfertigung, in der Scheren, Pinzetten und Zangen entstehen. Es folgen eine Maschinenschleiferei mit CNC-Fräsmaschinen, die Knipser-Abteilung, die Scherenmontage, im Fachjargon auch „Nagelei“ genannt, sowie die Pinzettenschleiferei. „Eigentlich alles, was das Produkt hinterher können muss, passiert hier“, fasst Julia Nippes zusammen.

Zugeliefert wird, wo nötig, aus der Region: „Manchen Kunden reicht Import oder Made in Germany. Aber der Großteil verlangt weiterhin Made in Solingen, darauf legen wir Wert.“ Gleichzeitig investiert das Unternehmen in Automation, Produktionsstufe für Produktionsstufe. „Wir haben bei der Prägerei angefangen, das schließen wir jetzt langsam ab“, sagt Nippes. Scherenrohlinge werden dort inzwischen teils nicht mehr von Hand, sondern von einem Cobot in die Presse eingelegt. Der Handarbeit bleibt das Haus trotzdem treu. Beim letzten Schliff ist sie weiter unverzichtbar.

Ein Markt im Umbruch

Wie herausfordernd das Umfeld ist, macht Vertriebsleiterin Nippes nicht kleiner, als es ist. „Die Leute legen sich nicht mehr die Läger voll, möchten aber, wenn die Bestellung kommt, innerhalb einer Woche beliefert werden. Und Preiserhöhungen werden kaum akzeptiert.“ Besonders deutlich zeigt sich der Wandel an den Vertriebskanälen: „Unsere Kunden von vor fünf, sechs, sieben Jahren, etwa Kaufhäuser und große Parfümerien, sind zum Teil komplett weggebrochen.“

An die Stelle der klassischen Häuser sind andere Kanäle getreten. „Am besten läuft es derzeit im Lebensmitteleinzelhandel und im E-Commerce, dazu die Drogerieketten.“ Ein Standbein ist zudem das Apothekengeschäft, das vor allem über die Schwesterfirma Mörser bedient wird: „Da sind wir deutschlandweit die Nummer zwei.“ Trotz des viel beschriebenen Apothekensterbens spüre man dort bislang keinen großen Rückgang.

Funkenflug an der Schleifscheibe: Jede Schere wird in Solingen von Hand geschliffen und geschärft, damit sie am Ende sauber schneidet. (Foto: © Bastian Glumm)
Funkenflug an der Schleifscheibe: Jede Schere wird in Solingen von Hand geschliffen und geschärft, damit sie am Ende sauber schneidet. (Foto: © Bastian Glumm)

In den vergangenen Jahren konnte man sich bei Niegeloh aber darüber freuen, dass der Kundenstamm gehalten werden konnte. Und dieser ist weltweit zu verorten: Geografisch ist die DACH-Region der stärkste Markt. Der Nahe und Mittlere Osten gilt als gut, schwächelt derzeit aber geopolitisch bedingt; das US-Geschäft läuft nach den Zoll-Turbulenzen der vergangenen Jahre wieder gut, und Asien rückt stärker in den Fokus.

Bewährtes Produkt, neuer Anspruch

Bei den Produkten setzt Niegeloh bewusst auf Kontinuität. „Die Schere ist halt die Schere, das Produkt kann man nicht neu erfinden“, sagt Nippes. „Was wir machen, sind neue Designs, wir spielen mit Farben, die Verpackung gestalten wir hübscher. Aber das Grundsortiment, also Schere, Zange und Pinzette, das bleibt. Die Leute kommen immer wieder zum Bewährten zurück.“

Beim Geschäftsmodell selbst ist der Anspruch dagegen größer geworden. „Wir möchten weiter wachsen, moderner und technisch fortschrittlicher werden“, sagt Nippes. „Vor allem wollen wir die Kunden mit Konzept abholen: nicht nur die Nische Maniküre oder Pediküre, sondern ein ganzes Beauty-Konzept, bis hin zu Haarentfernung, Kosmetik und Pinseln. Ein One-Stop-Supplier werden, da investieren wir und wollen weiter vorankommen.“ Vom Solinger Traditionsunternehmen Niegeloh machte sich übrigens zuletzt auch eine Abordnung der Solinger Wirtschaftsförderung ein Bild, die dem Unternehmen und Geschäftsführer Torsten Korb einen Besuch abstattete.

Sichtbar ist der Modernisierungskurs auch online: Im Dezember vergangenen Jahres ging ein neuer Shop mit modernerem Auftritt und mehr Bezahloptionen an den Start. Einen Werksverkauf gibt es bislang nicht; er sei „immer mal wieder eine Überlegung„, so Nippes.

Ernst und Willy Niegeloh GmbH & Co. KG

Mangenberger Straße 330
42655 Solingen

Telefon: +49 (0)212 2224120
E-Mail: info@niegeloh.com
Web: www.niegeloh.com

 

 

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Bastian Glumm arbeitet seit vielen Jahren als Textjournalist für diverse Tages- und Fachmedien sowie als Cutter in der Videoproduktion. Der gelernte Verlagskaufmann rief im September 2016 das SolingenMagazin ins Leben.

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