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„Kunst und Kirche“ – ein Gottesdienst in der Fuhr

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In der Kirchengemeinde Fuhr findet man seit einiger Zeit Gottesdienste ganz besonderer Art. Pfarrer Stefan Ziegenbalg (re.) ist überzeugt: „Kunst und Bibel berühren die Seele. Deshalb gehört beides in die Kirche.“ Der vergangene Sonntag stand im Zeichen des Friedensengels. Ingo Schleutermann (li.) präsentierte zwei seiner Werke. Hans-Georg Wenke (Mitte) sorgte mit Aphorismen für Gedankenanstöße. (Foto: © Martina Hörle)
In der Kirchengemeinde Fuhr findet man seit einiger Zeit Gottesdienste ganz besonderer Art. Pfarrer Stefan Ziegenbalg (re.) ist überzeugt: „Kunst und Bibel berühren die Seele. Deshalb gehört beides in die Kirche.“ Der vergangene Sonntag stand im Zeichen des Friedensengels. Ingo Schleutermann (li.) präsentierte zwei seiner Werke. Hans-Georg Wenke (Mitte) sorgte mit Aphorismen für Gedankenanstöße. (Foto: © Martina Hörle)
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SOLINGEN (mh) – Es wirkt wie ein nettes geselliges Beisammensein. Kleine Sitzgruppen an runden Tischen, Menschen breit gefächerter Altersgruppen sitzen beieinander, vor sich Kaffee oder Wasser. Auf den ersten Blick würde niemand an einen Gottesdienst denken – obwohl der nicht zwangsläufig gegen ein geselliges Beisammensein spricht.

Patchwork-Gottesdienst in der Fuhr

Ungewöhnlich und ungewohnt ist der Patchwork-Gottesdienst, den Pfarrer Stefan Ziegenbalg seit einiger Zeit in der Kirchengemeinde Fuhr unter dem Motto „Kunst und Kirche“ abhält. Der Pfarrer erklärt das so: „Die Kunst berührt die Seele. Die Bibel tut das auf ihre Weise ebenso. Deshalb hat beides in der Kirche seinen Platz.“

Die vierte Veranstaltung dieser Reihe steht unter dem Leitgedanken „Friedensengel“. Der bekannte Solinger Künstler Ingo Schleutermann, Zeichner, Maler und Musiker in einer Person, präsentiert zu diesem Thema zwei seiner Werke. Hans-Georg „Schorsch“ Wenke, Journalist, Moderator und Meister der Aphorismen stellt themenbezogene Betrachtungen an und gibt damit manche gedankliche Anregungen. Organist und Sänger Michael J. Frerichmann übernimmt mit schwungvollen Jazzrhythmen die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes.

Friedensengel als missbrauchtes Symbol

„Schon seit Ende der 70er Jahre male ich in unregelmäßigen Abständen immer wieder einen „Friedensengel“. Das Bild reflektiert meinen Eindruck über den Umgang der Menschen miteinander“, erläutert Schleutermann den Betrachtern sein erstes Werk. „Den Frieden kann ich in dem Bild allerdings nicht wiedergeben.“ Dann setzt sich der Künstler damit auseinander, wie oft der Engel als Friedenssymbol missbraucht wird. „Diese Situation stelle ich in meinem Werk dar. Der Engel ist zwar bunt, aber gefesselt. Er hat seine Funktion verloren.“

Ingo Schleutermann und Hans-Georg Wenke beantworteten gerne Fragen der Zuhörer. Es gab regen Gedankenaustausch. (Foto: © Martina Hörle)
Ingo Schleutermann und Hans-Georg Wenke beantworteten gerne Fragen der Zuhörer. Es gab regen Gedankenaustausch. (Foto: © Martina Hörle)

An diesem Punkt irritiert Wenke mit einem fast bestürzenden Gedanken. Er spricht von einem Friedensengel, der im Park auf einem goldenen Sockel steht. Um ihn zu schützen, wird der Park nachts abgeschlossen. Wir schützen also jemanden, von dem wir Schutz erhoffen.

Pfarrer Ziegenbalg geht in seiner Predigt ebenfalls auf Friedensengel ein. „Stellt man sich die Frage, was ein Friedensengel ist, wird man ihn nicht in der Bibel finden.“ Schmunzeln macht sich bei seinem nächsten Vorschlag breit. Doch der ist folgerichtig, typisch für die heutige Zeit. „Googlen Sie doch mal.“ Er hat es getan. Das Suchergebnis führte zu einer goldenen Engelstatue in München. „Engel sind Botschafter“, fährt Ziegenbalg fort. „Sie sind nicht die niedlichen Wesen, zu denen wir sie immer machen. Derzeit gibt es eine regelrechte Engel-Renaissance. Kindlich, mit Pausbäckchen oder goldenen Flügeln.“ Und er zitiert aus der Bibel: „Der Engel trat dem Menschen mit den Worten gegenüber: „Fürchte dich nicht.“ Warum soll man sich vor etwas fürchten, das niedlich aussieht?“

Gedankenanstöße durch Aphorismen

Schleutermanns zweites Werk, eine Bleistiftzeichnung, zeigt einen modern stilisierten weiblichen Engel mit seinem Gegner Baphomet, einem ziegenköpfigen Mischwesen, das die Vereinigung entgegengesetzter Kräfte symbolisiert. Hier verliert der Engel nicht nur seine Funktion, er wird getötet.

Mit seinen folgenden Überlegungen knüpft Schorsch Wenke an Erfahrungen aus der Geschichte der Menschheit an: “Menschen mit unterschiedlichem Glauben können in Frieden miteinander leben, Menschen mit unterschiedlichen Religionen nicht.“ Zustimmendes Nicken bei den Zuhörern. Hier bietet sich eine Fülle von Gesprächsstoff.

Michael J. Frerichmann sorgt mit schwungvollem Jazz für die musikalische Untermalung des Gottesdienstes. (Foto: © Martina Hörle)
Michael J. Frerichmann sorgt mit schwungvollem Jazz für die musikalische Untermalung des Gottesdienstes. (Foto: © Martina Hörle)

Zum Abschluss ergeben sich zwischen Künstlern und Gottesdienstbesuchern interessante Diskussionen. So fragt eine Besucherin, wo denn in den Engelbildern Trost zu finden sei. „Für mich hängen Engel und Trost zusammen“, führt sie ihren Gedankengang weiter. „Doch den kann ich in den Bildern nicht finden.“ Darauf Schleutermann: „In den Bildern ist auch kein Trost. Ich zeige hier den Missbrauch des Symbols auf.“ Ziegenbalg ergänzt: „Es ist eine Botschaft, die aufrüttelt. Sieht aus wie Frieden, ist es aber nicht.“ Abschließend meint Wenke dazu: „Der Frieden hat ein Problem mit uns. Deshalb suchen wir uns als Hilfsgerüst die Engel. Doch Frieden kann man nur schaffen, wenn man etwas tut, nicht, weil man etwas will.“

Anregende Diskussion mit den Künstlern

Es ist ein Gottesdienst der Gedankenanstöße. Noch lange stehen die Besucher in kleinen Gruppen zusammen und diskutieren. Frieden findet man auch in der Kommunikation.

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