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Happy Amygdala – ein Koffer voller Erinnerungen

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Grafik-Designerin Heike Ponge (li.) und Kreativ-Therapeutin Fia Biba präsentieren ihr gemeinsames Projekt – den Happy Amygdala-Erinnerungskoffer. (Foto: © Martina Hörle)
Grafik-Designerin Heike Ponge (li.) und Kreativ-Therapeutin Fia Biba präsentieren ihr gemeinsames Projekt – den Happy Amygdala-Erinnerungskoffer. (Foto: © Martina Hörle)
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SOLINGEN (mh) – „Happy Amygdala“ – so nennt Fia Biba ihren Koffer, mit dem sie demenzkranken Menschen ein glückliches Lächeln ins Gesicht zaubert. Zwölf ausgesuchte Spiele schaffen Erfolgserlebnisse, verleiten zum Erzählen. Der Weg in die Schule, das Rezept aus Mutters Küche, der Wagen, der Gemüsegarten und noch viele weitere  Erinnerungen werden wach, versetzen die an Demenz Erkrankten in eine Zeit, die ihnen absolut präsent ist.

Happy Amygdala weckt Erinnerungen

„Kultursensibel heißt das Zauberwort“, so die Kreativ-Therapeutin. Sie hat die zwölf Spiele im Koffer der jeweiligen Nationalität und Kultur angepasst. Es gibt Magnetplatten mit Landkarten der alten Heimat. Passende magnetische Buttons finden darauf ihren Platz. Malvorlagen zeigen typische Motive des Herkunftslandes, fünf farbintensive Puzzlespiele lassen sich auf vielfältige Weise zusammensetzen und schaffen dadurch eine Fülle an Erzählmöglichkeiten. Sticken ohne Nadel eignet sich wunderbar, wenn die Feinmotorik nicht mehr mitspielt, ebenso die Modelliermasse, mit der Obst und Gemüse nachgeformt werden kann. Merkspiele und Aufgaben zum Riechen und Tasten runden das Gesamtpaket ab. Alle Spiele sind so aufgebaut, dass sich mehrere Tätigkeiten kombinieren lassen.

Die zwölf Spiele in jedem Koffer eignen sich hervorragend für die Arbeit mit demenziell erkrankten Zuwanderern. Die Motive der Puzzleteile sind den jeweiligen Heimatländern entnommen und lassen sich untereinander kombinieren. (Foto: © Martina Hörle)
Die zwölf Spiele in jedem Koffer eignen sich hervorragend für die Arbeit mit demenziell erkrankten Zuwanderern. Die Motive der Puzzleteile sind den jeweiligen Heimatländern entnommen und lassen sich untereinander kombinieren. (Foto: © Martina Hörle)

Die Demenzerkrankung zerstört bekanntlich die Erinnerung und die Identität. Lesen, Schreiben und Sprechen werden schwieriger. Aktuelles gerät in Vergessenheit, Erinnerungen aus der Jugend rücken in den Vordergrund. Dadurch kommt es gerade in der Anfangsphase der Erkrankung oft zu Wut, Verwirrung, Angst, Depressionen. Soziale Kompetenzen gehen verloren. Unendliche Langeweile entsteht.

Wie schwierig muss das erst für demenzkranke Einwanderer sein? In Deutschland leben etwa 19 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, davon rund 2 Mio. über 65 Jahre. Ein großer Teil der hierzulande üblichen Demenzarbeit besteht aus Ratespielen oder dem Ergänzen von Lückentexten. „Damit können ausländische Mitbürger nicht wirklich etwas anfangen“, weiß Fia Biba aus Erfahrung. Die besondere Situation und die speziellen Bedürfnisse dieser demenziell Erkrankten werden kaum und meist nicht angemessen berücksichtigt.

Demenzarbeit bei Migrationshintergrund

Vor vier Jahren wurde die Künstlerin von der AWO Düsseldorf beauftragt, eine Malstunde für demenziell Erkrankte mit türkischer Zuwanderungsgeschichte durchzuführen. Sie hatte bereits Erfahrung mit Demenzkranken gesammelt und war daher sehr überrascht, als die Teilnehmer mit den Malvorlagen absolut überfordert waren. Sie fanden sich in diesen Motiven nicht wieder. Da sich trotz intensiver Suche keine kulturgerechten Vorlagen finden ließen, begann Fia Biba selbst mit der Entwicklung geeigneter Materialien. Ihre Entwürfe kamen ausgesprochen gut an, und sie wurde gebeten, ein abwechslungsreiches und nachhaltiges Paket zusammenzustellen. Auch wenn es zahlreiche kreative Spiele und Beschäftigungsmöglichkeiten für Demenzerkrankte gab, fanden die kulturellen Gegebenheiten nirgends Beachtung.

Bei nachlassender Feinmotorik lassen sich auch ohne Nadel bezaubernde Stickbilder herstellen. Die Sticklöcher hat Fia Biba alle in Handarbeit in die Schablonen gestochen. (Foto: © Martina Hörle)
Bei nachlassender Feinmotorik lassen sich auch ohne Nadel bezaubernde Stickbilder herstellen. Die Sticklöcher hat Fia Biba alle in Handarbeit in die Schablonen gestochen. (Foto: © Martina Hörle)

Das war die Geburtsstunde des Happy Amygdala-Koffers. Die Amygdala ist ein Teil des Gehirns und des limbischen Systems. Ihre Hauptaufgabe liegt in der Entstehung und Verarbeitung von Emotionen und den damit verbundenen körperlichen Reaktionen. Alles, was über unsere Sinne hereinkommt, löst einen Reiz aus – ob angenehm oder unangenehm. Die Amygdala speichert eine emotionale Erinnerung, das heißt, nur die Verbindung zwischen Reiz und Emotion. So reagieren wir manchmal sehr emotional auf einen starken Reiz, ohne zu wissen, warum. Die Bezeichnung „Amygdala“ stammt von dem griechischen „amýgdalo“ (Mandel). Die beiden betreffenden Bereiche im Gehirn haben sehr viel Ähnlichkeit mit Mandelkernen.

Sechs Happy Amygdala-Koffer gibt es

Fia Biba recherchierte etliche Stunden und erstellte eine Unmenge von Zeichnungen und Malvorlagen, entwarf Bilder und Motive für die magnetischen Buttons und für Puzzlespiele und noch vieles mehr. Dann holte sie ihre Künstlerkollegin und Grafik-Designerin Heike Ponge mit ins Boot. Ponge übernahm nicht nur den Part der Bezugsquellenermittlung und der Kontaktaufnahme zu den verschiedenen Druckereien, sondern vor allem die Aufbereitung und Umsetzung der Zeichnungen in Arbeitsmaterialien. Jeder Koffer enthält auf die kulturellen Bedürfnisse abgestimmte Aufgaben, individuell und farbenfroh gestaltet, haptisch gut geeignet, stabil und abwischbar – alles mit nachhaltigen Verpackungen und möglichst naturgetreuen Materialien. Etwas, das den beiden Künstlerinnen sehr wichtig ist. „Es soll auf keinen Fall billig und schadstoffbelastet im Ausland produziert werden.“

Das Autoquartett im Italien-Koffer zeigt lustige Automotive auf fröhlichen, bunten Karten. Das Material ist stabil und abwischbar. (Foto: © Martina Hörle)
Das Autoquartett im Italien-Koffer zeigt lustige Automotive auf fröhlichen, bunten Karten. Das Material ist stabil und abwischbar. (Foto: © Martina Hörle)

Mittlerweile gibt es sechs Happy Amygdala-Kotter: Für Polen/Tschechoslowakei, das ehemalige Jugoslawien, die ehemalige UdSSR, Türkei, Italien und Deutschland. Im Prinzip sind alle gleich aufgebaut. Natürlich findet sich in dem einen oder anderen Koffer auch mal eine kulturelle Besonderheit, die es in den anderen Koffern nicht gibt, wie ein Briefmarkenspiel mit Sondermarken in dem deutschen Koffer oder ein Autoquartett für Italien. Jeder Koffer enthält ein Begleitbuch mit Erinnerungsfragen, Sprichwörtern, Kochrezepten und mehr. Produziert wird alles derzeit noch in kleinster Auflage.

Der Happy Amygdala-Erinnerungskoffer bietet einen künstlerisch-therapeutischen Ansatz, Erinnerungen an die alte Heimat sowohl spielerisch als auch durch Erzählungen festzuhalten, und hilft, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern, Freude zu schenken und Ressourcen zu stärken.

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